Das Gericht
1866Das Fallbeil fiel; auf dem Schaffot Bekam er seinen Lohn; Den roten Ring um seinen Hals Stand er vor Gottes Thron. Die weißen Engel schlugen all′ Die Hände vor′s Gesicht, Und eine tiefe Stimme sprach: “Es sei ihm das Gericht!”
Es sprach der Geist mit hartem Blick: “So fahr′ zur Hölle hin; Du hast vergossen Bruderblut, Die Nacht sei dein Gewinn!” Die schwarzen Engel, augenlos, Mit Mienen tot und stumm, Die stellten um den Schächer sich Ganz eng und dicht herum.
Es sprach der Sohn mit weichem Blick: “Laßt ihn zum Lichte ein; Er hat mit Tod die Tat gebüßt Und soll willkommen sein!” Die weißen Engel nahmen all′ Die Hände vom Gesicht; Die tiefe Stimme aber sprach: “Fahrt fort in dem Gericht!”
Es sprach der Geist, es sprach der Sohn, Die Wage fiel und stieg; Sie stieg und fiel, bis daß der Sohn Beklommen stand und schwieg, Die Stimme schwoll, die Stimme quoll, Sie fiel wie Blei hinab: “Ihr schwarzen Engel, tretet her, Führt ihn zum ewigen Grab!”
Der Mörder sah die Stimme an Und sprach: “Das nennst du Recht? Was schufest du zum Herren mich, Und machtest mich zum Knecht?” Er riß das flammendheiße Schwert Dem Cherub aus der Hand Und schlug der schwarzen Engel Schar Bis an der Höllen Rand,
Und schrie der stummen Stimme zu: “Du trägst allein die Schuld; Du gabst mir zu viel Leidenschaft Und nicht genug Geduld; Gabst mir den Nacken steif und stolz Und kochendheißes Blut; Dich trifft, was ich verbrochen hab′ In glühendroter Wut!
“Kommt her, ihr Engel ohne Blick, Ihr Engel, schwarz wie Nacht; Hier steht ein Mann mit einer Wehr, Der eurer aller lacht! Komm Satan her; mit Flammenschrift Bemal′ ich dein Gesicht; Sind auch Milliarden hinter dir, Ich folg′ dir dennoch nicht!”
Die tiefe Stimme stieg empor, Sie wurde leicht und hell, Und wurde rosig, wurde warm. Und sprach: “Komm her, Gesell!” Da fiel der Mörder auf die Knie Und sprach: “O Herr, hab′ Dank!” Und aus der weißen Engel Schar Erscholl ein Lobgesang.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Gericht" von Hermann Löns beschreibt die Nachwirkungen einer Hinrichtung und die anschließende göttliche Gerichtsverhandlung. Der Verurteilte, der durch das Fallbeil hingerichtet wurde, steht vor Gottes Thron und wird von verschiedenen Engeln und göttlichen Figuren beurteilt. Die weißen Engel sind entsetzt, während eine tiefe Stimme das Urteil spricht. Der Geist und der Sohn Gottes treten auf und vertreten unterschiedliche Ansichten über das Schicksal des Mörders. Die Waage des Gerichts schwankt, bis der Sohn Gottes verstummt und die schwarzen Engel den Mörder zum ewigen Grab führen sollen. Der Mörder rebelliert gegen das Urteil und wirft Gott vor, ihn zu sehr mit Leidenschaft und Stolz ausgestattet zu haben, was zu seiner Tat führte. Er greift die schwarzen Engel an und fordert Satan heraus, aber die tiefe Stimme ändert sich und wird warm und rosig. Der Mörder fällt auf die Knie und dankt Gott, während die weißen Engel einen Lobgesang anstimmen. Das Gedicht endet mit einer überraschenden Wendung, bei der der Mörder scheinbar Vergebung und Akzeptanz findet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Du gabst mir zu viel Leidenschaft und nicht genug Geduld
- Bildsprache
- Er riß das flammendheiße Schwert dem Cherub aus der Hand
- Enjambement
- Sie stieg und fiel, bis daß der Sohn beklommen stand und schwieg
- Hyperbel
- Sind auch Milliarden hinter dir
- Kontrast
- Es sprach der Geist mit hartem Blick: 'So fahr′ zur Hölle hin'; Es sprach der Sohn mit weichem Blick: 'Laßt ihn zum Lichte ein'
- Metapher
- Den roten Ring um seinen Hals
- Personifikation
- Die weißen Engel schlugen all′ die Hände vor′s Gesicht
- Symbolik
- Die weißen Engel, Die schwarzen Engel