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Das geraubte Schäfchen

Von

Als Joabs Heldenheer die Kinder Ammon schreckte,
Und schon ganz Israel das Land um Rabba deckte,
Wo der Gewaltigen und Hanons Unverstand
Die Boten schänden ließ, die David abgesandt,
Da raubte sein Befehl Uria Glück und Leben
Um das geliebte Weib, das ihm der Herr gegeben,
Die Tochter Eliams, die Davids Freundin war,
Und, als sie ausgetraurt, ihm einen Sohn gebar.

Dem Herrn mißfiel die That, und Nathan ward ersehen,
Mit Worten Seines Zorns zum Könige zu gehen.
Er sprach: In einer Stadt befanden sich zugleich
Zween Männer; einer arm, der andre groß und reich.
Der Reiche sahe stets in Tagen voller Freuden
Die Heerden seines Hofs auf grünen Hügeln weiden;
Die Rinder unzerstreut bei jungen Farren ruhn;
Der Geiß′ und Widder Muth im Felde fröhlich thun;
Die Lämmer ohne Fehl um ihre Mütter springen;
Das Lastvieh durch den Klee mit reichen Bürden dringen;
Die Blüten dicker Saat sich an den Wassern blähn,
Und seiner Schnitter Fleiß die schönsten Halmen mähn.
Dem Armen, ach! was war dem Armen doch bescheeret?
Ein einzig kleines Schaf, das er gekauft, genähret.
Das wuchs, und ward bei ihm und seinen Kindern groß,
Und kannte seinen Ruf, und schlief in seinem Schooß,
Und trank von seinem Kelch, und aß von seinen Bissen,
Und folgte seiner Hand, und lief nach seinen Küssen:
Er hielte dieses Schaf, sein liebstes auf der Welt,
Wie in Jerusalem man eine Tochter hält.
Dem Reichen kam ein Gast; daß der bewirthet würde,
Nahm er kein Rind, kein Schaf aus seiner Weid′ und Hürde:
Die räuberische Faust macht ihm ein Freudenmahl
Von jenem weißen Schaf, das er dem Armen stahl.

Er schwieg, und David schwur: Der Frevler soll nicht leben!
Er soll nicht nur das Schaf vierfältig wiedergeben;
Wer solche Missethat in Israel beginnt,
So wahr der Höchste lebt! der ist des Todes Kind.

Du, David, bist der Mann: erwidert der Prophete;
Will deine Seele noch, daß man den Räuber tödte?
So spricht der Herr, dein Gott: Ich habe dich gebaut;
Zum Könige gesalbt; das Reich dir anvertraut;
Den Händen Sauls gewehrt; jetzt deines Volks verschonet;
Und dir das Haus verliehn, in dem dein Herr gewohnet;
Die Weiber deines Herrn gab ich in deinen Schooß;
Du bist in Israel, du bist in Juda groß.
Du bist durch mich ein Herr, ein Sieger und ein König,
Du, des Isai Sohn. Ist dieses dir zu wenig,
So füg′ ich mehr hinzu. Wie aber kannst du nun
Vor meinem Angesicht ein solches Uebel thun?
Des Herrn Gebot verschmähn, ihn und sein Wort verachten,
Und den Hethiter dir mit fremdem Schwerte schlachten?
Durch dich frißt Ammons Schwert Uria, deinen Knecht.
Sein Blut zeugt wider dich, und schreit zu mir um Recht.
Noch darfst du gar sein Weib jetzt, als dein Weib, umfassen!
Drum soll das Rachschwert nie von deinem Hause lassen.
So spricht der Herr, dein Gott: Zu desto größrer Pein
Soll dir dein eignes Haus des Unglücks Quelle sein.
Die Weiber will ich dir vor deinen Augen rauben,
Und deinem Nächsten selbst der Strafe Lust erlauben:
An ihnen soll das Volk, was insgeheim geschehn,
Bei lichtem Sonnenschein mit Schmach gerochen sehn.

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Gedicht: Das geraubte Schäfchen von Friedrich von Hagedorn

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Das geraubte Schäfchen“ von Friedrich von Hagedorn ist eine eindringliche moralische Erzählung, die in Form einer biblischen Parabel die Geschichte von König David und seinem Fehlverhalten im Umgang mit Uriah, dem Hetiter, erzählt. Es ist ein tiefgreifendes Beispiel für die Verwendung allegorischer Sprache, um ethische Fragen zu untersuchen und die Konsequenzen von Machtmissbrauch aufzuzeigen.

Das Gedicht beginnt mit einer historischen Referenz: dem Feldzug Joabs gegen die Ammoniter und der Schändung der Davids Boten. Der Dichter spannt den Bogen zu Davids entscheidendem Fehltritt, als er Urias Leben und Glück durch einen hinterhältigen Befehl raubt, um Urias Frau, Bathseba, zu besitzen. Der erste Teil des Gedichts dient als Einleitung und schafft die historische Kulisse für die folgende Parabel, die von Nathans Erscheinen und seiner Kritik an David handelt.

Der Kern des Gedichts ist Nathans Gleichnis über den reichen Mann und das einzige Schaf des armen Mannes. Der reiche Mann, der ein wohlhabendes Leben führt, begeht die schwere Sünde, dem armen Mann sein geliebtes Schäfchen zu stehlen und zu schlachten, um seinen Gast zu bewirten. Diese einfache, aber bewegende Geschichte dient als Spiegel für Davids Taten, die auf eine ähnliche Weise Uriah seines Lebens und seiner Frau beraubten. Das Schäfchen symbolisiert Unschuld, Zuneigung und die Verletzlichkeit des Armen, während der reiche Mann Davids Macht und seinen Machtmissbrauch verkörpert.

Die anschließende Reaktion Davids und Nathans Enthüllung der Wahrheit über Davids eigenes Verhalten sind von großer Bedeutung. David, der zunächst das Urteil über den reichen Mann fällt, wird von Nathan auf seine eigene Missetat hingewiesen. Die unmittelbare Erkenntnis Davids, der nun der eigentliche Täter ist, verdeutlicht die Lehre des Gedichts: Macht korrumpiert und kann zu schwerwiegenden ethischen Fehltritten führen. Der Dichter nutzt das Gleichnis geschickt, um David zu konfrontieren und die Heuchelei und das Fehlverhalten des Königs aufzuzeigen.

Das Gedicht endet mit den Konsequenzen für David: Nathans Prophezeiung des Gerichts. David wird für seine Verbrechen bestraft; sein Haus wird von Unglück heimgesucht, seine Frauen werden geraubt, und die Schmach wird ihm öffentlich widerfahren. Diese Prophezeiung unterstreicht die zentrale Botschaft des Gedichts: Sünde hat Konsequenzen, und auch Könige müssen sich vor dem Urteil Gottes verantworten. Hagedorns Gedicht ist somit eine kraftvolle Mahnung an die Verantwortlichkeit der Macht und die Bedeutung von Gerechtigkeit.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.