Das Gelübde
Nichts pflegt der Rachbegier an Thorheit gleich zu sein.
Ein Mann, der unverhofft sein feistes Kalb vermißte,
Schwur, wenn er seinen Dieb nur zu entdecken wüßte,
So wollt′ er einen Bock dem Pan zum Opfer weihn.
Sein Wunsch ward ihm gewährt. Es kam ein Pantherthier,
Das gafft′ und bleckt′ ihn an, und droht′ ihn zu verschlingen.
Da seufzt′ er: ich will gern mein Opfer zehnfach bringen,
Nur treib′, o starker Pan! den nahen Feind von hier.
Betrogne Sterblichen, wer kennt sein wahres Wohl,
So oft Gelübd′ und Wunsch den Rath der Allmacht störet?
Wenn uns des Himmels Zorn, zu unsrer Straf′, erhöret,
So lernt man allererst, warum man bitten soll.
Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Das Gelübde“ von Friedrich von Hagedorn ist eine lehrreiche Fabel, die die Torheit der Rachsucht und die Unachtsamkeit der Menschen gegenüber dem wahren Wohlstand thematisiert. Es beginnt mit einem Mann, dessen Kalb gestohlen wurde und der schwört, dem Gott Pan einen Bock zu opfern, falls er den Dieb finden sollte. Die erste Strophe etabliert somit das Motiv der Rache und des Versprechens, das im Verlauf des Gedichts eine entscheidende Rolle spielt.
In der zweiten Strophe wird der Wunsch des Mannes erfüllt, jedoch auf unerwartete Weise. Statt des Diebes erscheint ein gefährliches Panthertier, das den Mann bedroht. In seiner Not ist der Mann bereit, Pan zehnmal mehr zu opfern, nur um sich vor der Gefahr zu retten. Dieser Moment verdeutlicht die menschliche Fähigkeit, sich in Extremsituationen nach anderen Dingen zu sehnen als nach dem ursprünglichen Ziel. Die anfängliche Rachsucht und das Gelübde treten in den Hintergrund, während das Überleben zur obersten Priorität wird.
Die letzte Strophe des Gedichts enthält die Moral der Geschichte. Hagedorn spricht die „betrogenen Sterblichen“ an und hinterfragt deren Fähigkeit, ihr wahres Wohl zu erkennen. Er deutet an, dass Gelübde und Wünsche oft den Rat der Allmacht stören und dass Menschen erst in Zeiten der Not erkennen, was sie wirklich brauchen. Die Zeilen betonen die Ironie der menschlichen Natur und die Schwierigkeit, die richtigen Entscheidungen zu treffen, besonders wenn man von Emotionen wie Zorn und Rachsucht getrieben wird.
Die Bedeutung des Gedichts liegt in der Warnung vor voreiligen Schlüssen und dem blinden Vertrauen auf Rache. Es zeigt, wie schnell sich menschliche Prioritäten ändern können, wenn man mit unerwarteten Schwierigkeiten konfrontiert wird. Die Geschichte dient als Mahnung, die eigenen Wünsche und Gelübde zu hinterfragen und die göttliche Ordnung zu respektieren, denn erst in der Not erkennen wir, was wirklich wichtig ist. Hagedorns Werk ist eine zeitlose Betrachtung über die menschliche Natur und die Lehren, die wir aus unseren Erfahrungen ziehen können.
Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.
Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.