Das Geisterross
1825Durch den dreigeteilten Bogen, Des Triumphes prangend Tor, Durch die lauten Menschenwogen Dort zum Kapitol empor Lenkt den Tanz der weissen Pferde Cäsars lässige Gebärde.
Hinter des Triumphes Wagen Duldend oder grollend gehn Überwundne. Ketten tragen Cäsars lebende Trophän. “Dieser!” höhnt es im Gedränge, “Dieser Trotzge!” zischt die Menge.
Unberührt vom Hohn der Stunde Starren, traumgefüllten Blicks Geht, ein Singen auf dem Munde Ruhig Vercingetorix - Fremde Weise, fremde Worte Mit dem Geist an fremdem Orte:
“Cäsar, blendend weisse Rosse Hat Hispanien dir gebracht! Ellid, edler Ahnen Sprosse Dunkel ist er wie die Nacht - Deine Schimmel, deine viere Tauscht ich nicht mit meinem Tiere …
Ellid heisst der wackre Jager, Stark von Wuchs und fest im Bug, Welcher mich ins Römerlager Mit gewaltgen Sprüngen trug … Der zum Opfer ich gegeben Mich für meines Volkes Leben!
Dreimal flog ich um im Kreise, In der Faust des Schwertes Blitz, Noch im Lauf, nach Gallier Weise, Sprang ich ab vor Cäsars Sitz … Schwarzer Ellid, zu den Toten Send ich dich als meinen Boten!
Wie er mir ins Antlitz schnaubte, Stiess ich, Blick versenkt in Blick, Hinter seinem mächtgen Haupte Stracks das Schwert ihm durchs Genick … Dass mir eines Rosses Ehre Mangle nicht im Geisterheere.
Ellid sprengt seit langen Jahren Mitten in der bleichen Jagd, Wann daheim die Toten fahren Durch die Wälder, bis es tagt … Sehn sie meinen ledgen Renner, Wundern sich die stillen Männer …
Lange Jahre lag gebunden Ich in feuchter Kerkergruft - Kettenschwere, dumpfe Stunden - Endlich wieder Tag und Luft - Ellid, schwarzer Ellid, spute Dich! Du witterst, wo ich blute!
Heute endlich! Endlich heute! Wann der Kahle schwelgt am Mahl, Würgt er seine Siegesbeute. Mit dem letzten müden Strahl, Wann die Sonne niedergleitet, Wird mir Block und Beil bereitet.
Henker, nimm das Beil zu Händen! Nicht das Beil? … So nimm den Strang! Drossle mich! Nur enden, enden! Letzte Schmach! Sie währt nicht lang … Ellids kurzes Hufgestampfe Dröhnt in meinem Todeskampfe!
Sterbend pack ich Ellids Haare, Ein Befreiter spring ich auf, Fahre, schwarzer Ellid, fahre! Nach der Heimat nimm den Lauf! Wogen tosen! Rhodans Stimme! In den Strom, mein Tier, und schwimme!”
Cäsars Schimmel blähn die Nüstern. “Ave Triumphator!” schallt. Des Gebundnen Lippen flüstern: “In der Heimat bin ich bald! Ellid mit gestrecktem Jagen Wird mich nach der Heimat tragen!”
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Das Geisterross" von Conrad Ferdinand Meyer erzählt die Geschichte des gallischen Anführers Vercingetorix, der von den Römern besiegt und in Ketten zum Kapitol geführt wird. Trotz der Demütigung und des Hohn der Menge bleibt Vercingetorix innerlich unberührt und träumt von seiner Heimat und seinem treuen Pferd Ellid. Das Gedicht zeichnet sich durch eine starke emotionale Intensität aus, die durch die Verwendung von Bildern und Symbolen wie dem "Geisterross" und dem "bleichen Jagd" verstärkt wird. Die Handlung des Gedichts konzentriert sich auf Vercingetorix' innere Reise, während er körperlich durch die Straßen Roms geführt wird. Er erinnert sich an seine Vergangenheit und seine Treue zu seinem Volk, die ihn dazu brachte, sich selbst zu opfern. Das Gedicht zeigt auch die Beziehung zwischen Vercingetorix und seinem Pferd Ellid, die als Symbol für Freiheit und Treue dient. Die letzte Szene, in der Vercingetorix sich auf Ellid schwingt und in die Heimat reitet, symbolisiert seine Befreiung von den Fesseln der Römer und seinen Triumph über den Tod. Das Gedicht ist ein Beispiel für Meyers Fähigkeit, historische Ereignisse und Figuren in poetische Form zu bringen und ihnen eine tiefere Bedeutung zu verleihen. Es zeigt auch Meyers Interesse an der gallischen Kultur und Geschichte, die er in seinen Werken oft thematisiert. Das Gedicht ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Kraft der Poesie, Emotionen und Ideen zu vermitteln und den Leser in eine andere Zeit und einen anderen Ort zu versetzen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Cäsars lässige Gebärde
- Anapher
- Ellid, schwarzer Ellid
- Bildsprache
- Ellid sprengt seit langen Jahren / Mitten in der bleichen Jagd
- Enjambement
- Cäsars lässige Gebärde. Hinter des Triumphes Wagen
- Hyperbel
- Ellid, schwarzer Ellid, spute / Dich! Du witterst, wo ich blute!
- Ironie
- Ave Triumphator!
- Kontrast
- Cäsar, blendend weisse Rosse / Hat Hispanien dir gebracht! / Ellid, edler Ahnen Sprosse / Dunkel ist er wie die Nacht
- Metapher
- Durch die lauten Menschenwogen
- Personifikation
- Cäsars Schimmel blähn die Nüstern
- Symbolik
- Ellid als Symbol für Freiheit und Heimat