Das fruchtlose Beyspiel
1839Unser deutscher Kaiser Ist ein edler Mann, Seine Unterthanen Hört er selber an,
Spricht dann den Bedrängten Rath und Tröstung zu, Sorgt, selbst wann sie schlafen, Noch für ihre Ruh'.
So will er dem Staate Tag und Nacht sich weihn, Nur durch Müh’ und Sorge Erster Kaiser seyn.
Doch sein hehres Beyspiel Frommt mir armen nicht. Seit ich Nettchen kenne, Kenn’ ich keine Pflicht.
Immer schwebt ihr liebes Bild mir vor dem Sinn, Und mein ganzes Wesen Füllt die Zauberinn.
Denn ich seh’ in jedem Nullchen ihr Gesicht; Amtsconcepte werden Lied und Sinngedicht.
Kind, du bist mir immer Unaussprechlich lieb! Gerne will ich dich nur Denken; - aber gib
Meinen Sinnen täglich Nur sechs Stunden Frist: Liebe, gib dem Kaiser, Was des Kaisers ist.
Antwort
Lieber! ich begehre Weniger, als du; Stund’ gewähre Mir nur täglich Ruh,
Alle meine Lieder Weih’ ich willig dir. Aber gib mir wieder Meine Andacht mir:
Dass du, statt der Priester Am Altar, mir nicht Mit dem Versregister Kommest vor Gesicht;
Der mir, im Zerstreuen Meines Geists, Gebeth, Psalm und Litaneyen Zum Gedicht verdreht.
Gern geb’ ich dem Kaiser, Was des Kaisers ist: Gib dann auch, du Weiser! Gott, was Gottes ist.
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Interpretation
Das Gedicht "Das fruchtlose Beyspiel" von Gabriele von Baumberg handelt von der unerfüllten Liebe des lyrischen Ichs zu einem Mädchen namens Nettchen. Das Gedicht beginnt mit einer Lobpreisung des deutschen Kaisers, der sich Tag und Nacht um seinen Staat und seine Untertanen kümmert. Das lyrische Ich fühlt sich jedoch davon nicht angesprochen, da es seit der Bekanntschaft mit Nettchen keine Pflichten mehr kennt. Das Mädchen füllt das ganze Wesen des lyrischen Ichs aus und lässt es keine anderen Gedanken mehr fassen. Im zweiten Teil des Gedichts wendet sich das lyrische Ich direkt an Nettchen und bittet um eine gewisse Freiheit. Es verspricht, seine Liebe und seine Lieder dem Mädchen zu widmen, aber fordert im Gegenzug seine geistige Unabhängigkeit zurück. Das lyrische Ich möchte nicht, dass Nettchen ihm ständig im Kopf herumgeistert und seine Gedanken und Gebete in Gedichte verwandelt. Es möchte seine Andacht und seinen Glauben nicht verlieren. Das Gedicht endet mit einer Anspielung auf die Bibelstelle "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist". Das lyrische Ich fordert Nettchen auf, ihm seine geistige Freiheit zu lassen und ihm zu ermöglichen, seine religiösen Pflichten zu erfüllen. Es ist eine Bitte um Ausgleich zwischen Liebe und Glauben, zwischen weltlichen und geistigen Verpflichtungen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Gern geb' ich dem Kaiser, Was des Kaisers ist
- Bildsprache
- Stund' gewähre Mir nur täglich Ruh
- Hyperbel
- Liebe, gib dem Kaiser, Was des Kaisers ist
- Kontrast
- Lieber! ich begehre Weniger, als du
- Metapher
- Gib dann auch, du Weiser! Gott, was Gottes ist
- Personifikation
- Dass du, statt der Priester Am Altar, mir nicht Mit dem Versregister Kommest vor Gesicht