Das fröhliche Leben
1770Wenn ich auf die Wiese komme, Wenn ich auf dem Felde jetzt, Bin ich noch der Zahme, Fromme, Wie von Dornen unverletzt. Mein Gewand in Winden wehet, Wie der Geist mir lustig fragt, Worin Inneres bestehet, Bis Auflösung diesem tagt.
O vor diesem sanften Bilde, Wo die grünen Bäume stehn, Wie vor einer Schenke Schilde Kann ich kaum vorübergehn. Denn die Ruh an stillen Tagen Dünkt entschieden trefflich mir, Dieses musst du gar nicht fragen, Wenn ich soll antworten dir.
Aber zu dem schönen Bache Such ich einen Lustweg wohl, Der, als wie in dem Gemache, Schleicht durchs Ufer wild und hohl, Wo der Steg darüber gehet, Geht′s den schönen Wald hinauf, Wo der Wind den Steg umwehet, Sieht das Auge fröhlich auf.
Droben auf des Hügels Gipfel Sitz′ ich manchen Nachmittag, Wenn der Wind umsaust die Wipfel, Bei des Turmes Glockenschlag, Und Betrachtung gibt dem Herzen Frieden, wie das Bild auch ist, Und Beruhigung den Schmerzen, Welche reimt Verstand und List.
Holde Landschaft! wo die Straße Mitten durch sehr eben geht, Wo der Mond aufsteigt, der blasse, Wenn der Abendwind entsteht, Wo die Natur sehr einfältig, Wo die Berg′ erhaben stehn, Geh′ ich heim zuletzt, haushältig, Dort nach goldnem Wein zu sehn.
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Interpretation
Das Gedicht "Das fröhliche Leben" von Friedrich Hölderlin ist eine Ode an die Natur und ihre beruhigende Wirkung auf den Menschen. Der Sprecher beschreibt seine Freude und Gelassenheit, wenn er in der Natur unterwegs ist, und wie sie ihm inneren Frieden und Trost spendet. Der erste Teil des Gedichts schildert die anfängliche Unschuld und Unbeschwertheit des Sprechers, wenn er auf die Wiese und das Feld kommt. Er fühlt sich unversehrt von den Dornen des Lebens und sein Gewand weht im Wind, während sein Geist ihn fragt, worin das Innere besteht. Diese Frage bleibt jedoch unbeantwortet, da der Sprecher von dem sanften Bild der grünen Bäume so fasziniert ist, dass er kaum vorbeigehen kann. Im zweiten Teil des Gedichts beschreibt der Sprecher seinen Weg zum schönen Bach und wie er einen Lustweg sucht, der durch das wilde und hohle Ufer schleicht. Er genießt den Anblick des Waldes und das fröhliche Aufblicken seiner Augen. Auf dem Gipfel des Hügels sitzt er manch Nachmittag und findet in der Betrachtung der Natur Frieden und Beruhigung für sein Herz und seine Schmerzen. Im letzten Teil des Gedichts preist der Sprecher die holde Landschaft mit ihrer ebenen Straße, dem blassen Mond und dem Abendwind. Er bewundert die Einfalt der Natur und die erhabenen Berge. Schließlich kehrt er nach Hause zurück, um nach goldenem Wein zu sehen, was als Symbol für die Freude und den Genuss des Lebens interpretiert werden kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Denn die Ruh an stillen Tagen
- Bildsprache
- Wenn ich auf die Wiese komme, Wenn ich auf dem Felde jetzt
- Hyperbel
- O vor diesem sanften Bilde
- Kontrast
- Wo die Natur sehr einfältig, Wo die Berg' erhaben stehn
- Metapher
- Wo die grünen Bäume stehn, Wie vor einer Schenke Schilde
- Personifikation
- Wie der Geist mir lustig fragt
- Symbolik
- Bei des Turmes Glockenschlag
- Vergleich
- Wie von Dornen unverletzt