Das Flüchtigste

Johann Gottfried von Herder

1879

Tadle nicht der Nachtigallen Bald verhallend süßes Lied; Sieh, wie unter allen, allen Lebensfreuden, die entfallen, Stets zuerst die schönste flieht.

Sieh, wie dort im Tanz der Horen Lenz und Morgen schnell entweicht; Wie die Rose, mit Auroren Jetzt im Silberthau geboren, Jetzt Auroren gleich erbleicht.

Höre, wie im Chor der Triebe Bald der zarte Ton verklingt. Sanftes Mitleid, Wahn der Liebe, Ach, daß er uns ewig bliebe! Aber ach, sein Zauber sinkt.

Und die Frische dieser Wangen, Deines Herzens rege Gluth, Und die ahnenden Verlangen, Die am Wink der Hoffnung hangen - Ach, ein fliehend, fliehend Gut!

Selbst die Blüthe Deines Strebens, Aller Musen schönste Gunst, Jede höchste Kunst des Lebens, Freund, Du fesselst sie vergebens; Sie entschlüpft, die Zauberkunst.

Aus dem Meer der Götterfreuden Ward ein Tropfe uns geschenkt, Ward gemischt mit manchem Leiden, Leerer Ahnung, falschen Freuden, Ward im Nebelmeer ertränkt.

Aber auch im Nebelmeere Ist der Tropfe Seligkeit; Einen Augenblick ihn trinken, Rein ihn trinken und versinken, Ist Genuß der Ewigkeit.

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Illustration zu Das Flüchtigste

Interpretation

Das Gedicht "Das Flüchtigste" von Johann Gottfried von Herder thematisiert die Vergänglichkeit aller schönen Dinge im Leben. Herder beschreibt, wie die süßesten Freuden, wie das Lied der Nachtigallen oder die Blüte der Rose, schnell verhallen und vergehen. Er betont, dass gerade die schönsten Dinge im Leben am flüchtigsten sind und uns oft nur für einen kurzen Moment vergönnt bleiben. Im zweiten Teil des Gedichts beklagt Herder den Verlust der Frische der Jugend, der Leidenschaft des Herzens und der Hoffnung, die am schnellsten entschwinden. Auch die schönste Gabe des Lebens, die Kunst, kann nicht festgehalten werden und entgleitet uns. Herder vergleicht das Leben mit einem Tropfen aus dem Meer der Götterfreuden, der uns geschenkt wurde, aber mit Leiden, falschen Freuden und leeren Ahnungen vermengt ist und im Nebelmeer der Vergänglichkeit ertränkt wird. Im letzten Teil des Gedichts findet Herder jedoch einen Hoffnungsschimmer. Auch im Nebelmeer der Vergänglichkeit gibt es den Tropfen der Seligkeit. Es liegt an uns, diesen Augenblick der Seligkeit zu trinken, ihn rein zu genießen und in ihm zu versinken. Herder deutet an, dass in diesem Moment des reinen Genießens die Ewigkeit erfahrbar wird. So endet das Gedicht mit einer optimistischen Note, die besagt, dass wir trotz aller Vergänglichkeit die Möglichkeit haben, in einem Augenblick der Seligkeit die Ewigkeit zu erfahren.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Hyperbel
Stets zuerst die schönste flieht
Metapher
Genuß der Ewigkeit
Personifikation
Kunst des Lebens entschlüpft