Das Flakon

Charles-Pierre Baudelaire

unknown

So starke Düfte gibt′s, dass sie den Stoff bezwingen, Mit ihrer feinen Kraft Glas und Kristall durchdringen. Ein Kästchen öffnest du aus fernem Morgenland, Des Schloss nur knirschend weicht in mürrischem Widerstand,

Vielleicht auch einen Schrein in längst verlassnen Räumen Voll schwerer Moderluft, drin Staub und Spinnweb träumen, Da liegt ein alt Flakon, das deiner sich entsinnt, Draus eine Seele strömt und sprudelnd überrinnt.

Schmetterlingspuppen gleich tausend Gedanken schliefen, Sanft schauernd wie im Traum in Nächten schweren, tiefen, Nun bebt ihr Flügelpaar, hebt sie zu Flug und Tanz, Gold und azurgefärbt und spiegelnd rosigen Glanz.

Erinnerung flattert auf, berauschend, giftdurchdrungen, Die Augen schliessest du, Schwindel hält dich umschlungen Und stösst mit wildem Arm dich hart und unbeugsam In eine finstre Schlucht voll Unrat, Gift und Schlamm;

In tausendjährige Gruft wirft er die Seele nieder, Wo Lazarus, erwacht, regt die gespenstigen Glieder, Zerreissend sein Gewand, voll Glut und wilder Kraft Uralter Liebe denkt, vermodert, leichenhaft.

So, wenn ich längst entschwand aus menschlichem Gedenken In einem finstern Schrein, darein sie mich versenken, Ein alt verstaubt Flakon, des keiner mehr bedarf, Das man zerstört, beschmutzt achtlos beiseite warf,

Dann, holder Höllenduft, will ich dein Sarg auf Erden Und deiner Schädlichkeit Beweis und Zeugnis werden, Du liebes Gift, gemischt nach himmlischem Gebot, Du Saft, der an mir nagt, mein Leben und mein Tod!

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Das Flakon

Interpretation

Das Gedicht "Das Flakon" von Charles-Pierre Baudelaire beschreibt die kraftvolle und überwältigende Wirkung von Düften, die durch ihre feine Stärke in der Lage sind, selbst Glas und Kristall zu durchdringen. Ein Kästchen oder Schrein aus fernen Ländern oder verlassenen Räumen wird geöffnet, in dem sich ein alter Flakon befindet. Dieser Flakon birgt eine Seele, die in Form von Düften ausströmt und eine Flut von Erinnerungen und Gedanken auslöst. Die Düfte wecken tausend schlummernde Gedanken, die wie Schmetterlingspuppen in tiefen Nächten ruhten. Nun beben ihre Flügel und sie erheben sich zu einem farbenprächtigen Flug und Tanz. Die Erinnerung flattert auf, berauschend und giftdurchdrungen. Der Betrachter schließt die Augen, Schwindel hält ihn umfangen und stößt ihn mit wildem Arm in eine finstere Schlucht voller Unrat, Gift und Schlamm. Die Seele wird in eine tausendjährige Gruft geworfen, wo Lazarus, erwacht, seine gespenstischen Glieder regt. Er zerreißt sein Gewand, voller Glut und wilder Kraft denkt er an eine uralte Liebe, vermodert und leichenhaft. Der Sprecher des Gedichts wünscht sich, nach seinem Tod in einem alten, verstaubten Flakon aufbewahrt zu werden, den niemand mehr braucht und der achtlos beiseite geworfen wird. Er möchte zu einem Beweis und Zeugnis der Schädlichkeit des Duftes werden, der sein Leben und seinen Tod bedeutet. Der Duft ist ein Gemisch aus Gift und Himmel, ein Saft, der an ihm nagt und ihn zugleich belebt und zerstört.

Schlüsselwörter

voll kraft schrein längst alt flakon seele gift

Wortwolke

Wortwolke zu Das Flakon

Stilmittel

Metapher
Du Saft, der an mir nagt, mein Leben und mein Tod!
Personifikation
Des Schloss nur knirschend weicht in mürrischem Widerstand
Vergleich
Schmetterlingspuppen gleich tausend Gedanken schliefen