Das Fieberspital

Georg Heym

1887

Die bleiche Leinwand in den vielen Betten Verschwimmt in kahler Wand im Krankensaal. Die Krankheiten alle, dünne Marionetten, Spazieren in den Gängen. Eine Zahl

Hat jeder Kranke. Und mit weißer Kreide Sind seine Qualen sauber aufnotiert. Das Fieber donnert. Ihre Eingeweide Brennen wie Berge. Und ihr Auge stiert

Zur Decke auf, wo ein paar große Spinnen Aus ihrem Bauche lange Fäden ziehn. Sie sitzen auf in ihrem kalten Linnen Und ihrem Schweiß mit hochgezognen Knien.

Sie beißen auf die Nägel ihrer Hand. Die Falten ihrer Stirn, die rötlich glüht, Sind wie ein graugefurchtes Ackerland, Auf dem des Todes großes Frührot blüht.

Sie strecken ihre weißen Arme vor, Vor Kälte zitternd und vor Grauen stumm. Schon wälzt ihr Hirn sich schwarz von Ohr zu Ohr In ungeheurem Wirbel schnell herum.

Dann gähnt in ihrem Rücken schwarz ein Spalt, Und aus der weißgetünchten Mauerwand Streckt sich ein Arm. Um ihre Kehle ballt Sich langsam eine harte Knochenhand.

Des Abends Trauer sinkt. Sie hocken stumpf In ihrer Kissen Schatten. Und herein Kriecht Wassernebel kalt. Sie hören dumpf Durch ihren Saal der Qualen Litanein.

Das Fieber kriecht in ihren Lagern um, Langsam, ein großer, gelblicher Polyp. Sie schaun ihm zu, von dem Entsetzen stumm. Und ihre Augen werden weiß und trüb.

Die Sonne quält sich auf dem Rand der Nacht. Sie blähn die Nasen. Es wird furchtbar heiß. Ein großes Feuer hat sie angefacht, Wie eine Blase schwankt ihr roter Kreis.

Auf ihrem Dache sitzt ein Mann im Stuhl Und droht den Kranken mit dem Eisenstab. Darunter schaufeln in dem heißen Pfuhl Die Nigger schon ihr tiefes, weißes Grab.

Die Leichenträger gehen durch die Reihen Und reißen schnell die Toten aus dem Bett. Die andern drehn sich nach der Wand mit Schreien Der Angst, der Toten gräßlichem Valet.

Moskitos summen. Und die Luft beginnt Vor Glut zu schmelzen. Wie ein roter Kropf Schwillt auf ihr Hals, darinnen Lava rinnt. Und wie ein Ball von Feuer dröhnt ihr Kopf.

Sie machen sich von ihren Hemden los Und ihren Decken, die sie naß umziehn. Ihr magrer Leib, bis auf den Nabel bloß, Wiegt hin und her im Takt der Phantasien.

Das Floß des Todes steuert durch die Nacht Heran durch Meere Schlamms und dunkles Moor. Sie hören bang, wie seine Stange kracht Lauthallend unten am Barackentor.

Zu einem Bette kommt das Sakrament. Der Priester salbt dem Kranken Stirn und Mund. Der Gaumen, der wie rotes Feuer brennt, Würgt mühsam die Oblate in den Schlund.

Die Kranken horchen auf der Lagerstatt Wie Kröten, von dem Lichte rot gefleckt. Die Betten sind wie eine große Stadt, Die eines schwarzen Himmels Rätsel deckt.

Der Priester singt. In grauser Parodie Krähn sie die Worte nach in dem Gebet. Sie lachen laut, die Freude schüttelt sie. Sie halten sich den Bauch, den Lachen bläht.

Der Priester kniet sich an der Bettstatt Rand. In das Brevier taucht er die Schultern ein. Der Kranke setzt sich auf. In seiner Hand Dreht er im Kreise einen spitzen Stein.

Er schwingt ihn hoch, haut zu. Ein breiter Riß Klafft auf des Priesters Kopf, der rückwärts fällt. Und es erfriert sein Schrei auf dem Gebiß, Das er im Tode weit noch offen hält.

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Illustration zu Das Fieberspital

Interpretation

Das Gedicht "Das Fieberspital" von Georg Heym beschreibt in zwei Teilen die bedrückende Atmosphäre eines Krankenhauses für Fieberkranke. Im ersten Teil wird die Szene in den Krankenzimmern dargestellt, wo die Patienten von ihren Krankheiten geplagt werden und von Fieber gezeichnet sind. Die Umgebung wird als düster und bedrohlich beschrieben, mit Spinnen und einem mysteriösen Arm, der aus der Wand ragt. Im zweiten Teil setzt sich die düstere Stimmung fort, wobei die Patienten von der Hitze und den Krankheiten gequält werden. Die Ankunft des Priesters mit dem Sakrament führt zu einer grotesken und gewalttätigen Szene, in der der Kranke den Priester angreift und tötet. Die Interpretation des Gedichts "Das Fieberspital" von Georg Heym lässt sich in drei Absätzen zusammenfassen: Das Gedicht zeichnet ein düsteres und beklemmendes Bild von einem Krankenhaus für Fieberkranke. Die Patienten werden als Marionetten ihrer Krankheiten dargestellt, die in kahlen und bedrohlichen Räumen gefangen sind. Die Atmosphäre ist von Fieber, Angst und Tod geprägt. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Qual der Patienten durch die Hitze und die Krankheiten noch verstärkt. Die Ankunft des Priesters mit dem Sakrament führt zu einer grotesken und gewalttätigen Szene, in der der Kranke den Priester angreift und tötet. Dies könnte als Ausdruck des Hasses auf die religiöse Institution oder als Symbol für den Kampf gegen den Tod interpretiert werden. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine Atmosphäre des Grauens und des Wahnsinns, die durch die detaillierten und oft surrealen Beschreibungen verstärkt wird. Die Patienten werden als Opfer ihrer Krankheiten dargestellt, die in einem feindlichen und bedrohlichen Umfeld gefangen sind.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Die Betten sind wie eine große Stadt, / Die eines schwarzen Himmels Rätsel deckt.
Personifikation
Die Sonne quält sich auf dem Rand der Nacht.
Vergleich
Die Kranken horchen auf der Lagerstatt / Wie Kröten, von dem Lichte rot gefleckt.