Das Feuerschiff

Hermann Löns

1866

Auf glatter, grauer Woge ruht das feuerrote Feuerschiff, Es rührt sich nicht; der Anker hält es fest im Meeressande; Fahrwasser weist sein Feuerschein durch Sandbank und durch Felsenriff Den Fischern in der Nebelnacht und leitet sie zum Strande.

Matrosen grau und lendenlahm, Erleber mancher wilden Fahrt, Die halten hier das Feuer wach bei Nacht in Wind und Wetter; Dem wurde grau in Tropenglut das Blondhaar und der rote Bart, Den trugen bis nach Grönland hin die stahlbeschlagenen Bretter.

Der wusch im Fieber gelbes Gold aus Kaliforniens rotem Sand, Der hat auf jedem Fleck der Welt das Handelsschiff gelandet, Der küßte eines Häuptlings Weib an einem weißen Palmenstrand; Sie alle sind nach Schluß der Fahrt auf diesem Schiff gestrandet.

Von Ehrgeiz, Habsucht, Liebe, Haß, von Hoffnung und von Furcht ist leer Die Brust, das Wrack liegt morsch und mürb verfaulend in dem Hafen; Und was sie fünfzig Jahre hetzte, spornte, peitschte hin und her Ist stumm, verloschen, ausgebrannt und endlich eingeschlafen.

Und ist das Herz auch kalt und tot; sie starren gierig in die Flut Schon stundenlang; kein Fischlein will an ihren Angeln beißen; Manch halbvergeßner Fluch erschallt voll Ungeduld und wilder Wut, Das Meer ist geizig und es läßt sich heute nichts entreißen.

Und ist auch lange abgeräumt des Lebens reichgedeckter Tisch, Und kalt das Herz, dem Freuden, Schmerzen, Angst und Hoffnung mangeln, So bleibt als heiß ersehntes Ziel ein spannenlanger Fisch, Nach dem sie stieren Auges täglich angeln, angeln, angeln.

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Illustration zu Das Feuerschiff

Interpretation

Das Gedicht "Das Feuerschiff" von Hermann Löns beschreibt die Ruhe und Beständigkeit eines Feuerschiffs, das in der Nacht den Fischern den Weg durch gefährliche Gewässer weist. Es symbolisiert Sicherheit und Orientierung in der Dunkelheit und dem Nebel. Das Feuerschiff steht fest verankert im Meeressand und leuchtet den Seefahrern den Weg zum sicheren Hafen. Die zweite Strophe führt die alten, erfahrenen Matrosen ein, die das Feuer auf dem Schiff wachhalten. Sie sind gezeichnet von ihrem abenteuerlichen Leben auf See, haben Stürme und tropische Hitze überstanden und sind in fernen Ländern wie Grönland und Kalifornien gewesen. Trotz ihrer bewegten Vergangenheit sind sie nun an diesen ruhigen Ort verschlagen, wo sie ihre letzten Tage verbringen. In der dritten Strophe reflektiert das Gedicht über das Leben der Matrosen, das einst von Ehrgeiz, Liebe, Hass, Hoffnung und Furcht geprägt war. Doch nun, da sie ihr Leben hinter sich haben, sind all diese Leidenschaften erloschen. Ihre Brust ist leer von all den Trieben, die sie einst antrieben, und ihr Körper verfault morsch im Hafen. Das einst heiß ersehnte Ziel ihres Lebens ist nun nur noch ein ferner Traum. Die letzte Strophe zeigt die Matrosen beim Angeln, eine Tätigkeit, die ihnen noch geblieben ist. Obwohl ihr Herz kalt und tot ist, starren sie gierig auf das Wasser und hoffen auf einen Fang. Sie sind ungeduldig und wütend, wenn die Fische nicht anbeißen, und verfluchen das geizige Meer, das ihnen nichts schenken will. Trotz allem bleibt das Angeln ihr heiß ersehntes Ziel, dem sie täglich nachgehen, in der Hoffnung, wenigstens noch einen spannenlangen Fisch zu fangen.

Schlüsselwörter

angeln grau fahrt hin hoffnung herz kalt glatter

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
In 'graue Woge' und 'feuerrote Feuerschiff' wird der Klang 'f' wiederholt.
Anapher
Die Wiederholung von 'der' am Anfang mehrerer Zeilen in der dritten Strophe.
Bildsprache
Die detaillierten Beschreibungen wie 'Tropenglut' und 'Kaliforniens rotem Sand' schaffen lebendige Bilder.
Hyperbel
Die Beschreibung der Matrosen als 'grau und lendenlahm' übertreibt ihre Erfahrung und Erschöpfung.
Ironie
Die Matrosen, die einst die Welt bereisten, enden damit, auf dem Feuerschiff zu warten und zu angeln.
Kontrast
Der Kontrast zwischen dem 'feuerroten Feuerschiff' und der 'grauen Woge' hebt die Unterschiede in Farbe und Stimmung hervor.
Metapher
Das Feuerschiff wird als 'feuerrote Feuerschiff' beschrieben, was es als lebendiges Wesen personifiziert.
Oxymoron
Die Kombination von 'kaltes Herz' und 'heiß ersehntes Ziel' stellt einen Widerspruch dar.
Personifikation
Das Meer 'läßt sich heute nichts entreißen', was ihm menschliche Eigenschaften wie Geizigkeit zuschreibt.
Symbolik
Das Feuerschiff symbolisiert Führung und Sicherheit in der Dunkelheit.