Das ferne Land

Hermann Löns

1866

Und das ist offenbar: Ich weiß ein Land, in dem ich niemals war; Da fließt ein Wasser, das ist silberklar, Da blühen Blumen, deren Duft ist rein Und ihre Farben sind so zart und fein, So zart und fein, wie sonst am Himmel nur Der Abendröte allerletzte Spur An hellen Abenden im jungen Mai Beim allerersten fernen Eulenschrei.

Auch singt ein Vogel in dem fernen Land, Er singt ein Lied, das ist mir unbekannt; Ich hört′ es nie und weiß doch, wie es klingt Und weiß es auch, was mir der Vogel singt; Das Leben singt er, und er singt den Tod, Die höchste Wonne und die tiefste Not, Jedwede Lust und jeglich Herzeleid, Die Lust der Zeit, das Weh der Ewigkeit.

Ich kenn′ das Land und weiß nicht, wo es liegt, Und weiß es nicht, wohin der Vogel fliegt, Und hörte von dem Bach das Rauschen kaum, Der Blumen Duft empfand ich nur im Traum; Im Traume nur sind einst sie mir erblüht, Im Traum nur hörte ich des Vogels Lied, Das Lied vom Leben und das Lied vom Tod, Das Lied der Wonne und das Lied der Not.

Erreiche ich das ferne, fremde Land, Dann blüht das Lebensmal in meiner Hand; Wenn nicht, dann sang der Vogel nur von Tod, Sang mir ein Leben, bitter und voll Not; Du weißt den Weg nach jenem Land; sag ja! Dann ist das ferne, fremde Land so nah, Dann singt der Vogel nimmermehr von Tod Und Not; dann blühen alle Blumen rot, so rot, So rosenrot.

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Illustration zu Das ferne Land

Interpretation

Das Gedicht "Das ferne Land" von Hermann Löns beschreibt ein idealisiertes, unerreichbares Land, das der lyrische Ich- Erzähler zwar kennt, aber nie besucht hat. Dieses Land ist geprägt von einer idyllischen Natur: ein silberklares Wasser fließt dort, zarte Blumen blühen und ein unbekannter Vogel singt ein Lied, das vom Leben und Tod, von höchster Wonne und tiefster Not erzählt. Das ferne Land steht symbolisch für eine Sehnsuchts- und Traumwelt, die nur im Traum oder in der Fantasie existiert. Der Erzähler kennt es zwar, aber nicht wirklich - er hat es nie gesehen, gehört oder gerochen. Es bleibt ein unerreichbares Ideal, ein "ferne, fremde Land". Im letzten Abschnitt wendet sich der Erzähler direkt an den Leser und bittet ihn, den Weg zu diesem Land zu kennen. Nur wenn der Leser ihm den Weg zeigen kann, wird das ferne Land nah und der Vogel wird nicht mehr vom Tod und der Not singen. Die Blumen werden dann rot blühen - ein Symbol für Liebe, Leidenschaft und Erfüllung. Das Gedicht endet mit der Hoffnung, dass dieses ferne, unerreichbare Land doch noch erreichbar sein könnte.

Schlüsselwörter

land singt lied weiß vogel tod not blumen

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Stilmittel

Anapher
Und das ist offenbar: Ich weiß ein Land, in dem ich niemals war; Da fließt ein Wasser, das ist silberklar, Da blühen Blumen, deren Duft ist rein Und ihre Farben sind so zart und fein, So zart und fein, wie sonst am Himmel nur Der Abendröte allerletzte Spur An hellen Abenden im jungen Mai Beim allerersten fernen Eulenschrei.
Aufruf
Du weißt den Weg nach jenem Land; sag ja!
Chiasmus
Ich kenn′ das Land und weiß nicht, wo es liegt, Und weiß es nicht, wohin der Vogel fliegt
Hyperbel
So zart und fein, wie sonst am Himmel nur Der Abendröte allerletzte Spur
Kontrast
Wenn nicht, dann sang der Vogel nur von Tod, Sang mir ein Leben, bitter und voll Not
Metapher
Da fließt ein Wasser, das ist silberklar
Parallelismus
Die höchste Wonne und die tiefste Not, Jedwede Lust und jeglich Herzeleid, Die Lust der Zeit, das Weh der Ewigkeit.
Personifikation
Das Leben singt er, und er singt den Tod
Steigerung
So rosenrot.