Das Fensterkreuz
1844Zu Neuhaus in dem Schlosse war’s: der Kurfürst hielt ein Jägermahl; Die Gäste saßen dicht gereiht, und Hörner schmetterten im Saal. Der Mundschenk goß die Gläser voll, die Diener drängten sich zuhauf, Es war ein schwüler Sommertag, die Fenster alle standen auf.
Und durch die offnen Fenster rings sah man den kühlen, grünen Wald; Der Wald, das war zu dieser Zeit des Fürsten liebster Aufenthalt! In dem vergaß er, hell umtönt von Hirschgeschrei und Rosseshuf, Den Ärger, den zu Königsberg der böse Landtag dreist ihm schuf.
Ei, dieses starre Königsberg! Ei, dies verwegne Preußenland! Ei, wie beharrlich und beherzt auf seinen Rechten es bestand! Und nicht sein Adel bloß! O nein, auch seine Städte sprachen mit! Wer war’s, der die Leibeigenschaft des armen Bauernvolks bestritt?
O frischer, freier Bürgertrotz! O Erbteil, das der Ostsee blieb! Du sprudelst aus der Flut hervor, mehr als den Brandenburgern lieb! Wie heute noch der Krone Schein bei deinem Brausen zag erblaßt, So warst du auch dem Kurhut schon in deiner Freudigkeit verhaßt! -
Der Kurfürst saß beim Jägermahl! Schweinsköpfe dampften, Rheinwein floß! “Was kümmern mich die Stände heut zu Neuhaus hier auf meinem Schloß?” Da stapfte klirrend in den Saal ein Reiter mit entblößtem Haupt; Ein Bote war’s von Königsberg, Blut an den Sporen und bestaubt.
Briefschaften knöpft’ er aus dem Wams. - Ei, wiederum ein Ostseestreich? - Der hohe Jäger riß sie auf, er flog sie durch; er wurde bleich. Auf seiner Stirne zuckt’ empor gehemmter Willkür arger Groll: “Das war dein letzter Widerspruch! Hochnasig Volk, dein Maaß ist voll!
“So wahr ich jetzt den Apfel hier” - und siehe da, vom vollen Tisch
Rafft’ er mit ungestümer Hand sich einen Apfel, rot und frisch! -
“So wahr ich den durchs Fenster jetzt fortschleudre weit ins Freie hin,
So wahr noch brech ich Preußens Trotz, brech ich der Ostsee Eigensinn!
“So wahr noch soll als Oberherrn mich diese Bernsteinküste sehn! So wahr noch unterwerf` ich mir dies übermüth’ge Polenlehn! So wahr noch -” Und er sprang empor! Ausholt er wild zum Wurfe dann! Wer mit am Tisch saß, duckte sich und hielt gespannt den Athem an.
Der Apfel flog - fort in den Wald? - Nicht doch, fehl warf die hohe Kur! Hinflog er sausend durchs Gemach, und - traf das Kreuz des Fensters nur! Traf’s, prallte machtlos dann zurück! - So recht! Nur festen Widerstand! Laß dir dies Kreuz ein Vorbild sein und einen Trost, mein Vaterland!
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Interpretation
Das Gedicht "Das Fensterkreuz" von Ferdinand Freiligrath ist eine politische Allegorie, die die Spannungen zwischen dem Kurfürsten von Brandenburg und dem preußischen Adel und Bürgertum thematisiert. Die Handlung spielt bei einem Jägermahl in Neuhaus, wo der Kurfürst seinen Ärger über den widerspenstigen Landtag von Königsberg zum Ausdruck bringt. Die offenen Fenster und der Wald symbolisieren die Freiheit und den Widerstand des preußischen Volkes, während der Apfelwurf des Kurfürsten seine vergeblichen Versuche darstellt, diese Freiheit zu unterdrücken. Die Stimmung des Gedichts ist angespannt und von Frustration geprägt. Der Kurfürst ist wütend über die "starrköpfige" Haltung des preußischen Adels und der Städte, die sich gegen seine autoritäre Herrschaft auflehnen. Die Wiederholung des Ausrufs "Ei" unterstreicht seine Verärgerung und Ungeduld. Die Erwähnung des "Kreuzes" am Fenster, das den Apfel abprallen lässt, ist ein starkes Symbol für den unerschütterlichen Widerstand und die moralische Überlegenheit des preußischen Volkes. Am Ende des Gedichts wendet sich Freiligrath direkt an das "Vaterland" und ermutigt es, sich vom "Kreuz" inspirieren zu lassen. Dieses Kreuz steht als Symbol für den festen Widerstand gegen Unterdrückung und als Quelle des Trostes für das preußische Volk. Die Botschaft des Gedichts ist klar: Trotz der Versuche des Kurfürsten, die Freiheit zu brechen, wird der Widerstand des Volkes siegen. Freiligrath preist den "frischen, freien Bürgertrotz" und das Erbe des Ostseeraums, das sich gegen die autoritäre Herrschaft behauptet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Schweinsköpfe dampften, Rheinwein floß!
- Anapher
- So wahr ich jetzt den Apfel hier... So wahr ich den durchs Fenster jetzt fortschleudre weit ins Freie hin... So wahr noch brech` ich Preußens Trotz...
- Bildsprache
- Der Mundschenk goß die Gläser voll, die Diener drängten sich zuhauf
- Hyperbel
- Was kümmern mich die Stände heut zu Neuhaus hier auf meinem Schloß?
- Kontrast
- Und nicht sein Adel bloß! O nein, auch seine Städte sprachen mit!
- Metapher
- Laß dir dies Kreuz ein Vorbild sein und einen Trost, mein Vaterland!
- Personifikation
- Der Wald, das war zu dieser Zeit des Fürsten liebster Aufenthalt!
- Rhetorische Frage
- Wer war’s, der die Leibeigenschaft des armen Bauernvolks bestritt?
- Symbolik
- Traf’s, prallte machtlos dann zurück! - So recht! Nur festen Widerstand!