Das Fenster
1866Du leeres Fenster hoch am grauen Haus, Du Lücke, die man einst dem Lichte ließ, Dem Farbenstrom von draußen und von drinnen - Wer alles lugte schon durch dich heraus, Den dunkler Trieb ins Dämmerdasein stieß Zu Lust und Leid, zum Sehnen und zum Sinnen?
Wie viele müden Alten mögen hier, Im Sorgenstuhl beschaulich vorgerückt, Ein letztes Weilchen noch gesonnt sich haben - Wie manche schmucke Jungfer hat aus dir Herabgelauscht beklommen und verzückt Dem Liebeslockruf eines kecken Knaben!
Wie oft schon ließest du den Himmel ein Zu einem Paare, das sich still und froh Da droben in sein Heiligtum geborgen! Wo sind sie, alle deine Kinderlein, Die dir im Arme grüßten mit Halloh Den ersten Schnee, die goldnen Sommermorgen?
Sie alle, die du hier umfangen hast, Sie schwanden fort nach kurzem Heimatswahn Als Bilder, wechselnd in dem einen Rahmen; Und immer neue ludest du zu Gast Und schenktest allen deine Sonnenbahn, Daraus sie Glück und Schuld und Schicksal nahmen!
Heut’ bist du einsam und gedankenvoll - Dem du zuletzt die bunte Welt gezeigt, Den haben neulich sie herausgetragen; Nur kahlen Wänden gibst du Licht. Wer soll Nun in den Rahmen, der erwartend schweigt? Doch sieh! vorm grauen Hause hält ein Wagen.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Das Fenster" von Hanns von Gumppenberg reflektiert über die Vergänglichkeit des Lebens und die Rolle, die ein Fenster als stummer Zeuge und Teilnehmer an den menschlichen Erlebnissen spielt. Das Fenster wird als "leere" und "graue" Lücke im Haus dargestellt, die einst dem Licht zugewandt war und Farben von innen und außen einließ. Es wird als Ort betrachtet, von dem aus Menschen verschiedener Altersgruppen und Lebensumstände in die Welt hinausblickten und von ihr beeinflusst wurden. Das Gedicht beschreibt verschiedene Szenen, die sich vor dem Fenster abspielten: alte Menschen, die in der Sonne saßen und nachdachten, junge Mädchen, die von ihren Liebhabern träumten, und Paare, die in ihrer Zweisamkeit den Himmel betrachteten. Das Fenster hat all diese Momente miterlebt und war Zeuge der Freude, des Leids, der Sehnsucht und der Sinnlichkeit der Menschen, die durch es hindurchschauten. Im letzten Teil des Gedichts wird das Fenster als einsam und nachdenklich dargestellt. Der letzte Mensch, dem es die Welt gezeigt hat, wurde fortgetragen, und nun gibt es nur noch kahle Wände, die vom Licht erhellt werden. Das Fenster wartet darauf, dass jemand in seinen Rahmen tritt, aber es ist unklar, wer das sein wird. Die Ankunft eines Wagens vor dem grauen Haus am Ende des Gedichts deutet auf eine mögliche Veränderung oder einen Neuanfang hin, lässt aber auch die Frage offen, was das Fenster als nächstes erleben wird.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anrede
- Wo sind sie, alle deine Kinderlein
- Frage
- Wer soll Nun in den Rahmen, der erwartend schweigt?
- Metapher
- Doch sieh! vorm grauen Hause hält ein Wagen
- Personifikation
- Du leeres Fenster hoch am grauen Haus