Das Fenster
Du leeres Fenster hoch am grauen Haus,
Du Lücke, die man einst dem Lichte ließ,
Dem Farbenstrom von draußen und von drinnen –
Wer alles lugte schon durch dich heraus,
Den dunkler Trieb ins Dämmerdasein stieß
Zu Lust und Leid, zum Sehnen und zum Sinnen?
Wie viele müden Alten mögen hier,
Im Sorgenstuhl beschaulich vorgerückt,
Ein letztes Weilchen noch gesonnt sich haben –
Wie manche schmucke Jungfer hat aus dir
Herabgelauscht beklommen und verzückt
Dem Liebeslockruf eines kecken Knaben!
Wie oft schon ließest du den Himmel ein
Zu einem Paare, das sich still und froh
Da droben in sein Heiligtum geborgen!
Wo sind sie, alle deine Kinderlein,
Die dir im Arme grüßten mit Halloh
Den ersten Schnee, die goldnen Sommermorgen?
Sie alle, die du hier umfangen hast,
Sie schwanden fort nach kurzem Heimatswahn
Als Bilder, wechselnd in dem einen Rahmen;
Und immer neue ludest du zu Gast
Und schenktest allen deine Sonnenbahn,
Daraus sie Glück und Schuld und Schicksal nahmen!
Heut‘ bist du einsam und gedankenvoll –
Dem du zuletzt die bunte Welt gezeigt,
Den haben neulich sie herausgetragen;
Nur kahlen Wänden gibst du Licht. Wer soll
Nun in den Rahmen, der erwartend schweigt?
Doch sieh! vorm grauen Hause hält ein Wagen.
Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Das Fenster“ von Hanns von Gumppenberg ist eine melancholische Reflexion über Vergänglichkeit, Erinnerung und die kontinuierliche Veränderung des Lebens, dargestellt durch die Metapher eines Fensters. Das Fenster wird hier zu einem Beobachter und Zeugen der menschlichen Existenz, der sowohl Freude als auch Leid, Leben und Tod erlebt hat.
In den ersten drei Strophen beschreibt der Dichter die vielfältigen Erlebnisse, die durch das Fenster wahrgenommen wurden. Das Fenster ist ein Rahmen für die Welt, ein Ort der Beobachtung für verschiedene Lebensabschnitte – von den „alten“ über die „Jungfer“ bis hin zu Liebenden. Es wird als Zeuge von Freude und Leid, Sehnsucht und Glück dargestellt. Die Fragen in den Versen unterstreichen die Vergänglichkeit und die Suche nach den vergangenen „Kindern“, die nun nicht mehr da sind. Das Fenster wird so zu einem Symbol für die Vergangenheit, die in Erinnerungen lebendig bleibt, aber nicht mehr gegenwärtig ist.
Die vierte Strophe veranschaulicht die ständige Veränderung und den Kreislauf des Lebens. Alle, die das Fenster einst „umfangen“ hat, sind wie „Bilder“ verschwunden, und neue Menschen haben ihre Plätze eingenommen. Das Fenster, als Gastgeber, bietet allen die „Sonnenbahn“, aus der sie Glück, Schuld und Schicksal ziehen. Das Gedicht thematisiert somit die Unvermeidlichkeit des Wandels und die ständige Abfolge von Generationen.
In der letzten Strophe wird die Stille und Einsamkeit des Fensters in der Gegenwart hervorgehoben. Es steht nun leer da, nachdem es die „bunte Welt“ gezeigt hat. Der letzte Bewohner wurde „herausgetragen“, ein deutlicher Hinweis auf den Tod. Die abschließenden Zeilen, in denen ein Wagen vor dem Haus hält, deuten auf einen neuen Bewohner oder Besucher hin, wodurch der Kreislauf des Lebens angedeutet wird, der sich ständig fortsetzt. Das Fenster ist weiterhin ein Zeuge, bereit, neue Geschichten zu erzählen.
Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.
Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.