Das Ende vom Liede
Vergessen können ja! Das ist die Kunst,
Von allen Künsten dieser Welt die erste
Von allen Künsten dieser Welt die schwerste,
Und bist du ihrer Herr, ist alles Dunst.
Ist alles Wurst, was jemals du gewesen,
Was du geliebt, gehaßt, getan, gefehlt, gewollt,
Ob sich dein Leben prunkvoll aufgerollt,
Ob du für andre warst bequemer Besen.
Ob Sklave oder Herr dann ist′s egal,
Vergessen können und nicht dran ersticken,
Hinunterschlucken, lachen, weiterkrücken,
Ins Leben weiter noch ein dutzendmal.
Dann tut′s ja nichts! Nun gut! Ich will′s probieren,
Den letzten Lorbeerkranz will ich entblättern,
Das letzte Amulett will ich zerschmettern,
Wie man vergißt, will ich genau studieren.
Und eines Tages dann ist mir′s geglückt,
Ich atme auf in grenzenloser Leere
Und breche in die Knie und bete: Kehre,
O kehre wieder, die du mich entzückt:
Geliebte Sünde, die ich froh beging
Geliebte Reue, die ich kühn genossen.
Gemach, mein Freund! Dein Schicksal ist beschlossen
Und um dich schürzt sich des Vergessens Ring.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Das Ende vom Liede“ von Hermann Conradi thematisiert die Kunst des Vergessens als essenzielle Fähigkeit im Leben. Es beginnt mit der Feststellung, dass das Vergessen die höchste und schwierigste aller Künste sei, und dass derjenige, der es beherrscht, alle irdischen Dinge wie Dunst erscheinen lässt. Diese eröffnende These deutet auf eine radikale Distanzierung von der Vergangenheit, von Erfahrungen, Emotionen und sogar der eigenen Identität hin.
Die folgenden Strophen vertiefen diese Idee, indem sie die Bedeutungslosigkeit all dessen betonen, was man erlebt hat – Liebe, Hass, Erfolge und Misserfolge. Der Sprecher stellt fest, dass es letztendlich egal ist, ob man Sklave oder Herr war, solange man es schafft zu vergessen, ohne daran zu ersticken. Diese Passage impliziert einen scheinbar zynischen Blick auf das Leben, der die Bedeutung von Erfahrungen relativiert und die Fähigkeit, weiterzumachen, in den Vordergrund stellt. Gleichzeitig wird aber auch die Schwierigkeit dieser Fähigkeit angedeutet: das Hinunterschlucken und „Weiterkrücken“ deuten auf einen inneren Kampf hin.
In den letzten Strophen wird jedoch ein überraschender Umschwung vollzogen. Der Sprecher kündigt an, dass er das Vergessen nun selbst „studieren“ und praktizieren will. Doch das Erreichen des angestrebten Zustands der Leere führt paradoxerweise zu einer Sehnsucht nach dem, was vergessen werden sollte. Er betet um die Rückkehr der „Geliebten Sünde“ und der „Geliebten Reue“, was eine tiefe Ambivalenz offenbart. Das Gedicht endet mit einer resignierten Akzeptanz des Vergessens, symbolisiert durch den „Ring des Vergessens“, der sich um den Sprecher schürzt.
Conradis Gedicht ist also mehr als nur eine Ode an das Vergessen. Es ist eine Auseinandersetzung mit der menschlichen Natur, mit dem Wunsch nach Freiheit von der Vergangenheit, aber auch mit der Unmöglichkeit, sich vollständig von ihr zu lösen. Das Gedicht ringt mit der Idee, dass das Vergessen zwar ein notwendiger Schritt im Leben sein kann, aber auch eine Leere hinterlässt, die nach dem, was vergessen wurde, verlangt. Die abschließenden Zeilen lassen den Leser mit einem Gefühl der Melancholie und der Erkenntnis zurück, dass das „Ende vom Liede“ vielleicht doch nicht so endgültig ist, wie es zunächst scheinen mag.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.