Das Einhorn

Rainer Maria Rilke

1907

Der Heilige hob das Haupt, und das Gebet fiel wie ein Helm zurück von seinem Haupte: denn lautlos nahte sich das niegeglaubte, das weiße Tier, das wie eine geraubte ‚hülflose Hindin‘ mit den Augen fleht.

Der Beine elfenbeinernes Gestell bewegte sich in leichten Gleichgewichten, ein weißer Glanz glitt selig durch das Fell, und auf der Tierstirn, auf der stillen, lichten, stand wie ein Turm im Mond,das Horn so hell, und jeder Schritt geschah, es aufzurichten.

Das Maul mit seinem rosagrauen Flaum war leicht gerafft, so daß ein wenig Weiß (weißer als alles) von den Zähnen glänzte; die Nüstern nahmen auf und lechzten leis. Doch seine Blicke, die kein Ding begrenzte, warfen sich Bilder in den Raum und schlossen einen blauen Sagenkreis.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Das Einhorn

Interpretation

Das Gedicht "Das Einhorn" von Rainer Maria Rilke beschreibt die ehrfurchtgebietende Begegnung eines Heiligen mit einem mythischen Wesen. Die Szene beginnt damit, dass der Heilige, vertieft in sein Gebet, durch das Erscheinen des Einhorns überrascht wird. Dieses Tier, das bisher als unglaubwürdig galt, nähert sich lautlos und flehend, wie eine hilflose Hirschkuh. Das Einhorn wird als majestätisch und rein dargestellt, mit einem elfenbeinernen Körper, der sich in leichten Gleichgewichten bewegt. Sein Fell glänzt weiß, und das Horn auf seiner Stirn strahlt wie ein Turm im Mondlicht, wobei jeder Schritt darauf ausgerichtet zu sein scheint, es aufzurichten. Die Beschreibung des Einhorns setzt sich mit feinen Details fort, die seine Schönheit und Einzigartigkeit unterstreichen. Das Maul des Tieres ist leicht gerafft, wodurch ein Hauch von noch weißeren Zähnen zum Vorschein kommt. Die Nüstern atmen auf und seufzen leise, was auf eine gewisse Verletzlichkeit hindeutet. Die Blicke des Einhorns sind jedoch grenzenlos und werfen Bilder in den Raum, die einen blauen Sagenkreis schließen. Dies verleiht dem Tier eine mystische und überirdische Qualität, die über das Physische hinausgeht. Das Gedicht vermittelt eine tiefe spirituelle Erfahrung, bei der das Einhorn als Symbol für Reinheit, Unschuld und das Unerklärliche steht. Die Begegnung des Heiligen mit dem Einhorn ist ein Moment der Offenbarung, in dem das Göttliche in einer Form erscheint, die sowohl furchteinflößend als auch faszinierend ist. Das Einhorn verkörpert das Unerwartete und das Wunderbare, das das Gebet des Heiligen unterbricht und ihn in Staunen versetzt. Die Bilder, die das Gedicht hervorruft, sind von einer lyrischen Schönheit, die den Leser in eine Welt der Mythen und Legenden entführt.

Schlüsselwörter

weißer heilige hob haupt gebet fiel helm zurück

Wortwolke

Wortwolke zu Das Einhorn

Stilmittel

Bildsprache
ein weißer Glanz glitt selig durch das Fell
Hyperbel
die Blicke, die kein Ding begrenzte
Kontrast
weißer als alles
Metapher
warfen sich Bilder in den Raum
Personifikation
Der Beine elfenbeinernes Gestell bewegte sich in leichten Gleichgewichten
Symbolik
schlossen einen blauen Sagenkreis
Vergleich
das weiße Tier, das wie eine geraubte ‚hülflose Hindin‘ mit den Augen fleht