Das dritte Reich

Kurt Tucholsky

1907

Es braucht ein hohes Ideal der nationale Mann, daran er morgens allemal ein wenig turnen kann. Da hat denn deutsche Manneskraft in segensreichen Stunden als neueste Errungenschaft ein Ideal erfunden: Es soll nicht sein das erste Reich, es soll nicht sein das zweite Reich…

Das dritte Reich? Bitte sehr! Bitte gleich! Wir dürfen nicht mehr massisch sein - wir müssen durchaus rassisch sein - und freideutsch, jungdeutsch, heimatwolkig und bündisch, völkisch, volkisch, volkig… und überhaupt. Wer’s glaubt, wird selig. Wer es nicht glaubt, ist ein ganz verkommener Paz- und Bolschewist.

Das dritte Reich? Bitte sehr! Bitte gleich! Im dritten Reich ist alles eitel Glück. Wir holen unsre Brüder uns zurück: die Sudetendeutschen und die Saardeutschen und die Eupendeutschen und die Dänendeutschen… Trutz dieser Welt! Wir pfeifen auf den Frieden. Wir brauchen Krieg. Sonst sind wir nichts hienieden. Im dritten Reich haben wir gewonnenes Spiel. Da sind wir unter uns. Und unter uns, da ist nicht viel. Da herrscht der Bakel und der Säbel und der Stock - da glänzt der Orden an dem bunten Rock, da wird das Rad der Zeit zurückgedreht - wir rufen “Vaterland!”, wenn’s gar nicht weiter geht… Da sind wir alle reich und gleich im dritten Reich. Und wendisch und kaschubisch reine Arier.

Ja, richtig… Und die Proletarier! Für die sind wir die Original-Befreier! Die danken Gott in jeder Morgenfeier - Und merken gleich: Sie sind genau so arme Luder wie vorher, genau solch schuftendes und graues Heer, genau so arme Schelme ohne Halm und Haber - Aber: im dritten Reich. Und das sind wir. Ein Blick in die Statistik: Wir fabrizieren viel. Am meisten nationale Mistik.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Das dritte Reich

Interpretation

Das Gedicht "Das dritte Reich" von Kurt Tucholsky kritisiert die Ideologie und Propaganda des aufkommenden Nationalsozialismus. Tucholsky verwendet einen sarkastischen und spöttischen Ton, um die Absurdität und Gefährlichkeit der nationalsozialistischen Ideologie aufzuzeigen. Das Gedicht beginnt mit der Darstellung des "hohen Ideals" des nationalen Mannes, der sich morgens "ein wenig turnen" kann. Dies deutet auf die Betonung von körperlicher Stärke und Disziplin im nationalsozialistischen Denken hin. Tucholsky spielt darauf an, dass dieses Ideal von der deutschen "Manneskraft" als "neueste Errungenschaft" erfunden wurde. Im weiteren Verlauf des Gedichts wird die nationalistische und rassistische Ideologie des Nationalsozialismus satirisch dargestellt. Tucholsky verwendet eine Reihe von Adjektiven wie "freideutsch, jungdeutsch, heimatwolkig" und "bündisch, völkisch, volkisch, volkig", um die Vielfalt der nationalistischen Schlagworte zu verdeutlichen. Er macht sich über die fanatische Begeisterung für das "dritte Reich" lustig, indem er es als "alles eitel Glück" beschreibt. Tucholsky kritisiert auch die expansionistische Politik des Nationalsozialismus, die darauf abzielte, "Brüder" in anderen Ländern zurückzuholen, wie die Sudetendeutschen, Saardeutschen, Eupendeutschen und Dänendeutschen. Er spottet über die aggressive Kriegstreiberei und den Ruf nach "Vaterland", wenn es "gar nicht weiter geht". Das Gedicht endet mit einer scharfen Kritik an der nationalsozialistischen Propaganda, die sich als Befreier der Proletarier ausgab. Tucholsky weist darauf hin, dass die Arbeiterklasse trotz der Versprechungen des Nationalsozialismus weiterhin arm und ausgebeutet blieb. Er schließt mit der Feststellung, dass die nationale Ideologie viel "Mistik" produziert, was auf die Verbreitung von Unwahrheiten und Manipulation hinweist. Insgesamt ist "Das dritte Reich" ein kraftvolles und beißendes Gedicht, das die Gefahren des Nationalsozialismus aufzeigt und vor seiner Verbreitung warnt. Tucholsky nutzt seine literarischen Fähigkeiten, um die Absurdität und Gefährlichkeit dieser Ideologie auf satirische Weise zu entlarven.

Schlüsselwörter

reich bitte gleich dritten genau ideal nationale soll

Wortwolke

Wortwolke zu Das dritte Reich

Stilmittel

Alliteration
freideutsch, jungdeutsch, heimatwolkig
Anapher
Wir holen unsre Brüder uns zurück: die Sudetendeutschen und die Saardeutschen und die Eupendeutschen und die Dänendeutschen...
Hyperbel
Im dritten Reich ist alles eitel Glück
Ironie
Es soll nicht sein das erste Reich, es soll nicht sein das zweite Reich... Das dritte Reich? Bitte sehr! Bitte gleich!
Kontrast
Und die Proletarier! Für die sind wir die Original-Befreier!
Metapher
Das Rad der Zeit zurückgedreht
Personifikation
Da herrscht der Bakel und der Säbel und der Stock
Scherzhaftes Wortspiel
nationale Mistik
Wiederholung
Das dritte Reich? Bitte sehr! Bitte gleich!