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Das Delphische Orakel und der Gottlose
Ein Schüler des Diagoras,
Ein Bösewicht, der wenig glaubte,
Und seinem frechen Götterhaß
Die größte Frevelthat erlaubte,
Ging einstens, aus verruchtem Sinn,
Nach Delphos zum Orakel hin,
Mit atheistischem Vergnügen
Den Gott der Dichtkunst zu betrügen.
O Phöbus, (sprach er) dein Verstand
Erforschet die geheimsten Dinge.
Hier halt′ ich etwas in der Hand,
Das ich für dich zum Opfer bringe.
Du Sohn Latonens, gib Bericht:
Ist es am Leben? oder nicht?
Du weißt, es dient zu deiner Ehre,
Daß ich von dir die Wahrheit höre.
Er dachte: gibt man zum Bescheid,
Dein Vogel ist nicht mehr am Leben,
So will ich schon zur rechten Zeit
Ihm Flug und Freiheit wiedergeben.
Und wenn der schöne Leirer glaubt,
Der Athem sei ihm nicht geraubt,
So soll, auch dann ihn zu berücken,
Ein Druck den Vogel gleich ersticken.
Apollo übte nur Geduld,
Aus Mitleid mit der kühnen Schwäche,
Und sprach: Versuchst du meine Huld?
Du bist kaum werth, daß ich mich räche.
Zeuch deinen Sperling, o du Thor,
Lebendig oder todt hervor.
Die Götter lassen sich nicht äffen:
Ich kann von ferne sehn, und treffen.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Das Delphische Orakel und der Gottlose“ von Friedrich von Hagedorn ist eine humorvolle und satirische Auseinandersetzung mit dem Thema des Atheismus und der Hybris, dargestellt am Beispiel eines frechen Schülers und dem weisen Gott Apollo. Der Erzähler präsentiert die Geschichte in einer pointierten, rhetorisch geschickten Weise, wobei die Ironie von Anfang an spürbar ist. Der „Bösewicht“, der nichts glauben will, plant eine Täuschung des Orakels, um dessen Allwissenheit in Frage zu stellen. Er versteckt einen Sperling und stellt Apollo eine scheinbar simple Frage, die den Gott in eine Zwickmühle bringen soll.
Hagedorn nutzt hier gekonnt die klassische Struktur eines Gesprächs, um die Spannung aufzubauen und die Charaktere zu entwickeln. Der Schüler, Diagoras, wird als arrogant und überheblich dargestellt, während Apollo, der Gott der Künste und der Weissagung, eine gelassene, überlegene Haltung einnimmt. Die rhetorischen Fragen des Schülers und seine gedanklichen Winkelzüge enthüllen seine Absicht, den Gott zu täuschen. Dieses Verhalten, das auf Hochmut basiert, wird von Hagedorn mit subtilem Spott versehen, indem er die kindische List des Schülers hervorhebt. Die Zuhörer des Gedichts erkennen schnell die vermeintliche Überlegenheit des Schülers als Illusion.
Der Kern des Gedichts liegt in der Antwort des Orakels. Anstatt sich auf die Täuschung einzulassen, durchschaut Apollo sofort die Absichten des Schülers und kontert mit einer einfachen, aber vernichtenden Bemerkung: „Zeuch deinen Sperling, o du Thor, / Lebendig oder todt hervor.“ Diese direkte Anrede entlarvt die Naivität des Schülers und zeigt die wahre Macht des Gottes. Apollo beweist seine Allwissenheit nicht durch eine detaillierte Antwort, sondern durch die Enthüllung des Plans des Schülers. Die letzten beiden Zeilen, „Die Götter lassen sich nicht äffen: / Ich kann von ferne sehn, und treffen.“, festigen die Botschaft, dass Gottes Macht und Wissen unerschütterlich sind und dass der Versuch, sie zu hinterfragen, zum Scheitern verurteilt ist.
Die Strophenstruktur, die Reime und der gehobene Sprachstil verstärken die satirische Wirkung des Gedichts. Hagedorn greift auf Elemente der klassischen Antike zurück, um die Geschichte in einen mythologischen Kontext zu setzen. Diese Kombination aus klassischen Motiven und satirischen Elementen macht das Gedicht zu einer humorvollen Kritik am Atheismus und an der menschlichen Hybris. Die Botschaft ist klar: Wer die Götter herausfordert, wird scheitern. Das Gedicht bietet eine subtile Warnung vor Überheblichkeit und eine Würdigung der göttlichen Weisheit.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.