Das Delphische Orakel und der Gottlose
1738Ein Schüler des Diagoras, Ein Bösewicht, der wenig glaubte, Und seinem frechen Götterhaß Die größte Frevelthat erlaubte, Ging einstens, aus verruchtem Sinn, Nach Delphos zum Orakel hin, Mit atheistischem Vergnügen Den Gott der Dichtkunst zu betrügen.
O Phöbus, (sprach er) dein Verstand Erforschet die geheimsten Dinge. Hier halt′ ich etwas in der Hand, Das ich für dich zum Opfer bringe. Du Sohn Latonens, gib Bericht: Ist es am Leben? oder nicht? Du weißt, es dient zu deiner Ehre, Daß ich von dir die Wahrheit höre.
Er dachte: gibt man zum Bescheid, Dein Vogel ist nicht mehr am Leben, So will ich schon zur rechten Zeit Ihm Flug und Freiheit wiedergeben. Und wenn der schöne Leirer glaubt, Der Athem sei ihm nicht geraubt, So soll, auch dann ihn zu berücken, Ein Druck den Vogel gleich ersticken.
Apollo übte nur Geduld, Aus Mitleid mit der kühnen Schwäche, Und sprach: Versuchst du meine Huld? Du bist kaum werth, daß ich mich räche. Zeuch deinen Sperling, o du Thor, Lebendig oder todt hervor. Die Götter lassen sich nicht äffen: Ich kann von ferne sehn, und treffen.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Delphische Orakel und der Gottlose" von Friedrich von Hagedorn erzählt die Geschichte eines Schülers des Diagoras, der als gottloser Bösewicht bekannt ist. Er begibt sich zum Orakel von Delphi mit dem Vorhaben, den Gott der Dichtkunst, Phöbus Apollo, zu betrügen. Sein Plan ist es, einen Vogel in seiner Hand zu verbergen und das Orakel zu fragen, ob dieser lebt oder tot ist, um anschließend seine List zu offenbaren. Der Schüler glaubt, dass er das Orakel in eine Falle locken kann, indem er je nach Antwort des Orakels den Vogel entweder befreit oder tötet. Er ist überzeugt, dass er damit die göttliche Weisheit Phöbus' widerlegen kann. Doch Apollo, der die Absichten des Bösewichts durchschaut, reagiert mit Geduld und Mitleid für die "kühne Schwäche" des Schülers. Er weist den Schüler zurecht und zeigt, dass die Götter sich nicht täuschen lassen. Das Gedicht endet mit einer klaren Botschaft: Die göttliche Macht und Weisheit sind unantastbar und können nicht durch menschliche List gebrochen werden. Der Schüler des Diagoras wird als "Thor" bezeichnet, was seine Torheit und seinen Mangel an Respekt gegenüber den Göttern unterstreicht. Die Geschichte dient als warnendes Beispiel für den Hochmut und die Konsequenzen, die entstehen, wenn man versucht, die göttliche Ordnung zu untergraben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Ein Schüler des Diagoras, Ein Bösewicht, der wenig glaubte, Und seinem frechen Götterhaß Die größte Frevelthat erlaubte,
- Apostrophe
- O Phöbus, (sprach er) dein Verstand Erforschet die geheimsten Dinge.
- Beleidigung
- Zeuch deinen Sperling, o du Thor
- Ironie
- Ich kann von ferne sehn, und treffen.
- Metapher
- O Phöbus, (sprach er) dein Verstand Erforschet die geheimsten Dinge.
- Personifikation
- Apollo übte nur Geduld, Aus Mitleid mit der kühnen Schwäche
- Rhetorische Frage
- Ist es am Leben? oder nicht?