Das Dasein
Ein dunkler Feind erheiternder Getränke,
Ein Philosoph, trat neulich hin
Und sprach: Ihr Herren, wißt, ich bin.
Glaubt mir, ich bin. Ja, ja! Warum? Weil ich gedenke.
Ein Säufer kam und taumelt′ ihm entgegen,
Und schwur bei seinem Wirth und Wein:
Ich trink, o darum muß ich sein.
Glaubt mir, ich trink: ich bin. Wer kann mich widerlegen?
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Das Dasein“ von Friedrich von Hagedorn ist eine humorvolle Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Sein, die anhand zweier gegensätzlicher Figuren – eines Philosophen und eines Säufers – veranschaulicht wird. Die Pointe liegt in der Ironie, mit der die beiden Charaktere ihre jeweilige Existenz begründen, und im Spiel mit den unterschiedlichen philosophischen und lebensweltlichen Zugängen zum Thema.
Der Philosoph, ein Anhänger des rationalen Denkens, argumentiert mit der Fähigkeit zu denken, also mit dem Bewusstsein und der Reflexion, die das Denken hervorbringt: „Ich bin. Ja, ja! Warum? Weil ich gedenke.“ Der Satz erinnert an Descartes‘ berühmtes „Cogito, ergo sum“ (Ich denke, also bin ich), wird aber hier auf komische Weise entlarvt, indem der Philosoph als ein Gegner des „erheiternden Getränks“ dargestellt wird, was ihn in den Augen des Lesers vielleicht nicht unbedingt sympathischer macht. Hagedorn deutet an, dass das bloße Denken, die reine Vernunft, nicht ausreicht, um das Dasein vollends zu erfassen oder zu rechtfertigen.
Der Säufer, der dem Philosophen entgegentaumelt, kontert diese Begründung mit einer ganz anderen Logik. Er stützt sein „Sein“ auf das Trinken, auf die sinnliche Erfahrung und das Genießen des Lebens: „Ich trink, o darum muß ich sein.“ Der Säufer nimmt die philosophische Frage mit einer gewissen Nonchalance auf, indem er seine Existenz an die Freude am Alkohol und die damit verbundene Lebenslust knüpft. Sein Argumentationsstil, wie auch der des Philosophen, sind stark vereinfacht, um die Absurdität der Frage nach dem „Warum“ zu verdeutlichen.
Das Gedicht ist ein amüsantes Spiel mit philosophischen Begriffen und Alltagserfahrungen. Es zeigt auf humorvolle Weise, wie unterschiedlich Menschen ihr Dasein definieren und wie leichtfertig, aber auch tiefgründig die Frage nach dem „Sein“ beantwortet werden kann. Die Gegensätze zwischen den beiden Figuren und ihren Begründungen lassen den Leser schmunzeln, während sie gleichzeitig zum Nachdenken anregen. Die einfache Sprache und die pointierte Formulierung unterstreichen die satirische Wirkung des Gedichts.
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Lizenz und Verwendung
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