Das bittere Trünklein
1825Ein betrogen Mägdlein irrt im Walde, Flieht den harten Tag und sucht das Dunkel, Wirft auf eine Felsenbank sich nieder Und beginnt zu weinen unersättlich.
In den wettermürben Stein des Felsens Ist gegraben eine kleine Schale - Da das Mägdlein sich erhebt zu wandern, Bleibt die Schale voller bittrer Zähren.
Abends kommt ein Vöglein hergeflattert, Aus gewohntem Becherlein zu trinken, Wo sich ihm das Himmelswasser sammelt Schluckt und schüttelt sich und fliegt von hinnen.
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Interpretation
Das Gedicht "Das bittere Trünklein" von Conrad Ferdinand Meyer erzählt von einem betrogenen Mädchen, das sich in den Wald flüchtet, um dem harten Tag zu entkommen und im Dunkel Trost zu finden. Auf einer Felsenbank niedergelassen, beginnt es unersättlich zu weinen. Die Tränen des Mädchens füllen eine in den wettermürben Stein des Felsens gegrabene kleine Schale, als es sich erhebt, um weiterzuwandern. Am Abend kommt ein Vögelchen geflogen, das aus gewohnter Weise aus dem Becherlein trinken möchte, wo sich das Himmelswasser sammelt. Doch als es aus der Schale trinkt, schmeckt es die bitteren Tränen des Mädchens und schüttelt sich, bevor es von dannen fliegt. Die Geschichte des betrogenen Mädchens und seiner bitteren Tränen wird somit auch vom Vögelchen erfahren, das den Wald als Zeuge verlässt. Das Gedicht thematisiert die tiefe Trauer und den Schmerz, den das betrogene Mädchen empfindet. Die unersättlichen Tränen symbolisieren die Intensität ihrer Gefühle und den Wunsch, den Schmerz loszuwerden. Die Schale im Felsen dient als Behälter für ihre Bitterkeit, die schließlich auch das Vögelchen zu kosten bekommt. Das Gedicht verdeutlicht, wie Schmerz und Trauer sich auf die Umgebung auswirken und von anderen wahrgenommen werden können.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- wettermürben Stein
- Beschleunigung
- Schluckt und schüttelt sich und fliegt von hinnen
- Bildsprache
- Flieht den harten Tag und sucht das Dunkel
- Hyperbel
- weinen unersättlich
- Ironie
- Wo sich ihm das Himmelswasser sammelt
- Kontrast
- Abends kommt ein Vöglein hergeflattert
- Metapher
- beginnt zu weinen unersättlich
- Personifikation
- Ein betrogen Mägdlein irrt im Walde
- Symbolik
- Wirft auf eine Felsenbank sich nieder