Das bist du

Bruno Wille

1908

Wenn mit Dunkel und mit Schweigen Mutter Nacht dein Bett umhüllt, Lausche, wie mein Zaubergeigen Heimlich dir die Kammer füllt. Lausche, wie dich Wunderglocken Fromm zur heilgen Tiefe locken. In der Tiefe wohnt die Ruh, Und die Tiefe/ das bist du.

Frieden ihm, so dir zur Seiten Atmend ruht; er ist dein Schild. Frieden allen Erdenbreiten, Jedem Gottesebenbild! Gib den Hütten dein Erbarmen Und dem Glück ein froh Umarmen. Ohne Güte keine Ruh. Jedes Antlitz/ das bist du.

Engel, heitre Lichtgestalten, Steigen aus dem dunkeln Land Und in deine Hände falten Kosend sie die Kinderhand. Sieh doch, deine toten Lieben Sind dir alle treu geblieben; Mutterherz heißt ihre Ruh. Deine Kinder/ das bist du.

Spürst du auch, wie auf dein Grüßen Harrt ein treuer Paladin? Aus der Ferne dir zu Füßen Kann ihn deine Sehnsucht ziehn. Gib dein Auge seinem Auge; Eins im andern sauge, sauge Heimatswonne, Heimatsruh. Du bist ich, und ich bin du.

Horch, mein Lieb, die Zaubergeigen Singen Hochzeitsmelodein, Und der bunte Sternenreigen Stimmt und funkelt üppig drein. Welten schwärmen dort bei Welten, Wiegen sich in blauen Zelten, Summen uns in selge Ruh … Ich bin Stern, und Stern bist du.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Das bist du

Interpretation

Das Gedicht "Das bist du" von Bruno Wille ist eine tiefgründige und vielschichtige Betrachtung über die Verbundenheit des Individuums mit der Welt und seinen Mitmenschen. Es zeichnet sich durch eine poetische Sprache aus, die den Leser auf eine Reise der Selbstreflexion und der Erkenntnis der Einheit aller Dinge mitnimmt. Im ersten Teil des Gedichts beschreibt Wille die Nacht als eine Zeit der Stille und des Rückzugs, in der der Mensch zu sich selbst finden kann. Die "Zaubergeigen" und "Wunderglocken" symbolisieren dabei die inneren Stimmen, die den Menschen in die Tiefe seiner Seele führen. Diese Tiefe wird als Quelle der Ruhe und des Friedens dargestellt, wobei Wille betont, dass diese Tiefe im Kern des Individuums selbst liegt. Der zweite Teil des Gedichts erweitert die Perspektive auf die Beziehungen des Menschen zu anderen. Wille spricht von Frieden und Güte als wesentliche Elemente, die das Zusammenleben auf Erden prägen. Die Betonung, dass "jedes Antlitz" ein Teil des Selbst ist, unterstreicht die Idee der universellen Verbundenheit und der Empathie gegenüber allen Geschöpfen. Im dritten Abschnitt greift Wille das Thema der familiären und übernatürlichen Bindungen auf. Die Engel und die verstorbenen Liebsten werden als ständige Begleiter dargestellt, die in der Seele des Menschen weiterleben. Die Metapher des "Mutterherzens" als Ort der Ruhe verdeutlicht die bedingungslose Liebe und den Schutz, den die Familie bietet. Der vierte Teil des Gedichts thematisiert die romantische Liebe und die Sehnsucht nach einem treuen Gefährten. Wille verwendet die Bildsprache des Ritters und der gegenseitigen Blicke, um die tiefe Verbindung und das Ineinanderfließen zweier Menschen zu beschreiben. Die "Heimatswonne" und "Heimatsruh" symbolisieren dabei das Gefühl der Geborgenheit und des Ankommens in der Liebe. Im letzten Teil kulminiert das Gedicht in einer kosmischen Vision der Einheit. Die "Zaubergeigen" spielen nun eine "Hochzeitsmelodein", was die Vereinigung aller Dinge in einer großen, universellen Hochzeit andeutet. Die Sterne und Welten werden als Teil eines großen Tanzes dargestellt, der in "blauen Zelten" gewiegt wird. Wille schließt mit der Aussage, dass er und der Stern, also der Mensch und das Universum, eins sind. Dies unterstreicht die ultimative Botschaft des Gedichts: die tiefe Verbundenheit und Einheit allen Seins.

Schlüsselwörter

ruh tiefe lausche zaubergeigen frieden gib auge sauge

Wortwolke

Wortwolke zu Das bist du

Stilmittel

Metapher
Ich bin Stern, und Stern bist du
Personifikation
Mutter Nacht dein Bett umhüllt