Das Bild der Sehnsucht
1785Süßes Bild, das mir mit leisem Sehnen Herz und Sinn, und Geist und Auge füllt! Reine Quelle meiner stillen Thränen, Nie vergeßnes, immer nahes Bild!
Lächelnd schwebst du auf des Abends Golde, Neugeboren unter′m Morgenhain; Und mit Wonneglanz füllt deine holde Gegenwart selbst Trauerphantasei′n!
In der Andacht hohem Sternenfluge, Schwebst du winkend meinem Geiste vor; Weilst mit mir am ernsten Aschenkruge, Hebest tröstend mir der Zukunft Flor.
Zeigst mir der Vollendung Sonnenauen, Und die Ruh′, der jede Klage schweigt; Stützest sanft das sinkende Vertrauen; Flüsterst: »Muth! Bald ist das Ziel erreicht!
Wiederfinden heißt des Zieles Krone, Ungetrennt dann wandeln einen Pfad. Sieh! Es reift dem himmelsvollen Lohne Jede stille ungeseh′ne That!«
Fern getrennt, und doch für mich geboren? Dunkles Schicksal, das mein Leben lenkt! Schnell erkannt, und schneller noch verloren, Beßres Ich, in das mein Geist sich senkt.
Sah′ ich dich, und fühlte höh′res Leben Schöpferisch durch jede Nerve glühn - Hörte dich, empfand mit tiefem Beben Feste Bande uns zusammenziehn!
Licht und Kraft und reine Seelenwürde, Stille Freude, heitre Geistesruh′, Muth für jede, auch die schwerste Bürde, Lächelte mir sanft dein Auge zu.
Nie gefühltes inniges Vereinen, Schmiegte Herz an Herz, und Geist an Geist. Ach! Um dich, um dich sollt′ ich nicht weinen, Bis des Lebens harter Faden reißt?
Ferne! Du vermagst uns nicht zu trennen! Seelen trennt nicht Berg, nicht Land und Meer, Ewig werden wir uns wieder kennen: Banges Herz! Was trauerst du so sehr?
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Interpretation
Das Gedicht "Das Bild der Sehnsucht" von Friederike Sophie Christiane Brun beschäftigt sich mit dem tiefen Verlangen nach einer verlorenen oder unerreichbaren Person. Das lyrische Ich sehnt sich nach einem "süßen Bild", das Herz, Sinn, Geist und Auge füllt und als Quelle stiller Tränen dient. Dieses Bild ist allgegenwärtig und begleitet das Ich durch verschiedene Lebenssituationen, sei es in der Abenddämmerung oder am Morgen, in der Andacht oder am Aschenkruge. Die zweite Strophe verdeutlicht, dass das Bild auch in traurigen oder nachdenklichen Momenten eine Quelle der Freude und des Trostes ist. Es erscheint dem Ich in der Andacht und am Aschenkruge, um es zu ermutigen und ihm von der Zukunft zu erzählen. Das Bild verspricht die Vollendung, Ruhe und das Erreichen des Ziels, wobei das Wiederfinden die Krönung des Ziels darstellt. In der dritten Strophe wird das Schicksal als dunkel und lenkend beschrieben, das das Ich von dem Bild trennt. Das Ich erkennt und verliert das Bild schnell, und es sinkt in ein besseres Ich, das es nicht erreichen kann. Das Bild verleiht dem Ich Licht, Kraft, reine Seelenwürde, stille Freude, heitere Geistesruhe und Mut für schwere Bürden. Das Ich sehnt sich nach einer innigen Vereinigung mit dem Bild, aber es fragt sich, ob es bis zum Lebensende um das Bild trauern muss. Die letzte Strophe betont, dass die Seelen des Ichs und des Bildes nicht durch physische Barrieren wie Berge, Land oder Meer getrennt werden können. Sie werden sich ewig wieder erkennen, und das Ich fragt sich, warum es so sehr trauert. Das Gedicht endet mit der Hoffnung auf eine ewige Wiedervereinigung der Seelen.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Metapher
- Banges Herz! Was trauerst du so sehr?
- Personifikation
- In der Andacht hohem Sternenfluge, Schwebst du winkend meinem Geiste vor