Das begrabene Herz

Conrad Ferdinand Meyer

1892

Mich denkt es eines alten Traums. Es war in meiner dumpfen Zeit, Da junge Wildheit in mir gor. Bekümmert war die Mutter oft. Da kam einmal ein schlimmer Brief - Was er enthielt, erriet ich nie - Die Mutter fuhr sich mit der Hand Zum Herzen, fast als stürb es ihr. Die Nacht darauf hatt ich den Traum: Die Mutter sah verstohlen ich Nach unserm Tannenwinkel gehn, Den Spaten in der zarten Hand, Sie grub ein Grab und legt′ ein Herz Hinunter sacht. Sie ebnete Die Erde dann und schlich davon.

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Illustration zu Das begrabene Herz

Interpretation

Das Gedicht "Das begrabene Herz" von Conrad Ferdinand Meyer handelt von einem Traum des lyrischen Ichs, der sich auf ein vergangenes Ereignis bezieht. Der Traum spielt in einer Zeit, als der Erzähler jung und ungestüm war, was seine Mutter beunruhigte. Ein geheimnisvoller Brief trifft ein, dessen Inhalt unbekannt bleibt, aber die Mutter tief erschüttert. In der folgenden Nacht träumt das lyrische Ich, wie die Mutter im Garten ein Herz begräbt, was auf ein verborgenes Leid oder eine unausgesprochene Tragödie hindeutet. Der Traum symbolisiert die Verdrängung eines schmerzhaften Ereignisses, das die Mutter nicht offen ansprechen kann. Das Begraben des Herzens steht metaphorisch für das Verbergen von Emotionen oder das Verschweigen eines traumatischen Erlebnisses. Die zarte Hand der Mutter und ihr vorsichtiges Verhalten unterstreichen die Sensibilität und die tiefe Betroffenheit, die mit diesem Akt verbunden sind. Der Traum offenbart die unbewusste Auseinandersetzung des Erzählers mit dem verborgenen Leid der Mutter. Das Gedicht thematisiert die Komplexität familiärer Beziehungen und die Auswirkungen unausgesprochener Konflikte. Die Ambiguität des Briefs und das mysteriöse Begraben des Herzens lassen Raum für verschiedene Interpretationen, etwa eine unerfüllte Liebe, einen Verlust oder ein moralisches Dilemma. Meyer vermittelt durch die Traumsequenz die Idee, dass tiefgreifende emotionale Erfahrungen oft im Verborgenen bleiben und sich in symbolischen Handlungen manifestieren.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Sie ebnete Die Erde dann und schlich davon
Bildsprache
Den Spaten in der zarten Hand
Metapher
Es war in meiner dumpfen Zeit
Personifikation
Da junge Wildheit in mir gor
Symbolik
Sie grub ein Grab und legt′ ein Herz Hinunter sacht