Das Banket

Friedrich Theodor Vischer

1807

Die Diener eilen hin und her, Sie tragen auf zum Feste, Die Tafel prangt von Silber schwer, Wo bleiben nur die Gäste?

Und eh’ ich wart’ in Ewigkeit, Schreit wild der Herr vom Hause, So seien alle Teufel heut Geladen zu dem Schmause!

Da glänzt im Hofe Fackelschein, Da scharrt es auf dem Gange, Geputzte Herren treten ein Mit hellem Sporenklange.

Willkomm, ihr Herrn, so spricht der Graf, Lang seid ihr ausgeblieben, Nun aber sei mit Trinken brav Und Schmaus die Zeit vertrieben!

Die Gäste nicken wunderlich Mit schmunzelndem Gesichte, Sie räuspern sich, verbeugen sich Im Kerzenflimmerlichte.

Des Grafen Knie sein Kind umflicht, Hängt sich an ihn mit Bangen: »Ach, siehst du denn die Krallen nicht, Die spitzigen, die langen?«

Der Graf nach ihren Fingern sieht – »Hilf, Herr, im Himmel droben!« Graf, Gräfin und Gesinde stiebt, Wie Spreu im Wind zerstoben.

Im Saal erschallt ein Jubelschrei, Sie setzen sich zum Schmause, Es quackt, es schnarrt: »Juchhei! Juchhei! Nun sind wir Herrn im Hause!«

Wie tobt das wilde Höllenpack Mit Springen und mit Singen! Die Fidel kreischt, der Dudelsack, Man hört die Gläser klingen.

Sie füllen sich den Höllenbauch, Sie grunzen, bellen, mauen, Man sah sie aus den Fenstern auch Mit langen Rüsseln schauen.

Die Gräfin lauschet in die Höh’, Es gellt ihr in die Ohren, Sie sieht umher: »O weh, o weh! Mein Kind, mein Kind verloren!

Vergessen blieb mein armes Kind Dort oben in dem Saale!« Ein treuer Diener läuft geschwind Hinauf zum Teufelsmahle.

Er höret auf der Treppe schon Ein Näseln und ein Meckern, Sie treiben mit dem Kinde Hohn, Sie schnäbeln und sie schäkern.

Der Eine reicht’s dem andern dar, Es auf dem Arm zu schaukeln, Sie zupfen es am blonden Haar, Sie tänzeln und sie gaukeln.

Der Diener ohne Furcht und Schreck Steht mitten in dem Schwarme, Ergreift das Kind und reißt es keck Aus eines Teufels Arme.

Gieb her das Kind, so schreit er laut, In Jesu Christi Namen! Das Kindlein munter um sich schaut Und leise sagt es: Amen!

Von oben glänzt ein heller Strahl, Die Gäste sind verschwunden, Der Diener steht im leeren Saal, Den Arm um’s Kind gewunden.

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Illustration zu Das Banket

Interpretation

Das Gedicht "Das Banket" von Friedrich Theodor Vischer erzählt von einem adeligen Bankett, zu dem der Herr des Hauses in seiner Ungeduld alle Teufel einlädt. Die Gäste erscheinen als geputzte Herren mit spitzigen Krallen und verhalten sich zunächst höflich, doch bald entpuppt sie sich als wildes Höllenpack, das ausgelassen feiert und das Kind des Grafen bedroht. Die Gräfin bemerkt das Verschwinden ihres Kindes und schickt einen treuen Diener, der mutig das Kind aus den Armen eines Teufels reißt. Mit dem Ruf "In Jesu Christi Namen!" gelingt es ihm, das Kind zu retten. Ein heller Strahl von oben lässt die Gäste verschwinden, und der Diener steht mit dem Kind im leeren Saal. Das Gedicht thematisiert den Kampf zwischen Gut und Böse, wobei der Glaube an Jesus Christus als schützende Kraft dargestellt wird. Es warnt vor den Gefahren, die von unbedachten Wünschen ausgehen können, und betont die Wichtigkeit von Mut und Standhaftigkeit in bedrohlichen Situationen.

Schlüsselwörter

kind diener gäste graf her schreit herr hause

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Fidel kreischt, der Dudelsack
Anapher
Sie füllen sich den Höllenbauch, Sie grunzen, bellen, mauen
Hyperbel
So seien alle Teufel heut Geladen zu dem Schmause!
Kontrast
Der Diener ohne Furcht und Schreck Steht mitten in dem Schwarme
Metapher
Wie Spreu im Wind zerstoben
Onomatopoesie
Es quackt, es schnarrt: »Juchhei! Juchhei!
Personifikation
Die Diener eilen hin und her
Symbolik
Von oben glänzt ein heller Strahl