Das Bahrrecht

Adolf Friedrich Graf von Schack

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»Nun geht, Graf Otto! Zum drittenmal Erduldetet ihr die Folterqual Und habt sie, wie keiner, bestanden. Wohlan denn! Reinigt Euch ganz vom Verdacht, Als hättet den Ohm Ihr umgebracht Aus Gier nach Schätzen und Landen! Drei Stunden harret mit festem Mut Allein an der Bahre, darauf er ruht; Entquillt den Wunden alsdann kein Blut, So lösen wir Euch aus den Banden.«

Drauf Otto: »Ich scheue die Probe nicht; Kommt, daß ich allen wie Sonnenlicht So klar meine Unschuld mache!« Er spricht′s; ihn führen die Schöffen den Gang Zur Totenkammer schweigend entlang; Durch die Thür ein läßt ihn die Wache. Davor wird wieder gewälzt der Stein, Und der Graf bei flimmerndem Lampenschein Bleibt mit des Herzogs Leiche allein Im schwarzbehängten Gemache.

Da liegt der Greis, der einst ihn erzog Und mild des verwaisten Knappen pflog, Da liegt er vor ihm auf der Bahre; Sein Antlitz, drauf einst Liebe wie Haß So mächtig geflammt, nun welk und blaß, Umflossen vom weißen Haare. Graf Otto steht in Sinnen versenkt; Nicht mehr, wie schwer ihn der Tote gekränkt, Als er ihm die Tochter versagt, nun denkt Er nur an die glücklichen Jahre;

Denkt, wie er zuerst mit Schwert und Schild Zur Seite des Ohms aufs Schlachtgefild Gesprengt durch das Waffengeblitze; Und wie, als er selber im Kampfe verzagt, Sein eigenes Leben der Herzog gewagt, Damit er den Knappen beschütze. Er denkt es; ihm deckt die Augen ein Flor; Blut, glaubt er, quill′ aus den Wunden hervor, Das, Gottes Rache heischend, empor Zur Wölbung der Kammer spritze.

Noch steht in stummem Starren der Graf; Da ist ihm, als säh′ er vom Todesschlaf Den Greis sich langsam erheben, Als schlag′ er die Augenlider zurück Und schau′ ihn an mit dem alten Blick, Nur finsterer als im Leben. Graf Otto taumelt zurück mit Graun; Er wankt, doch kann er hinweg nicht schaun; Kalt auf die Stirne fühlt er es taun Und den Boden unter sich beben.

An der Bahre liegt er dahingestreckt, Als Stimmenruf aus dem Starren ihn weckt; Schon sind verronnen die Stunden. Die Richter treten in das Gemach Und forschen nach Sitte des Bahrrechts nach, Ob Blut entquollen den Wunden. Sie rufen: »Glückauf! Kein Tropfen floß! Glückauf, Graf Otto, besteigt Eur Roß; In Frieden kehrt heim nach Windeckschloß! Unschuldig seid Ihr befunden.«

Wohl hört der Verklagte der Richter Wort; Stumm aber liegt er fort und fort Zu des schweigenden Klägers Füßen; Glückwünschend strömen die Diener herbei: »Was zögert Ihr, Herr? Ihr seid nun frei!« Doch achtet er nicht ihr Grüßen. Auf springt er und ruft, aus dem Brüten erwacht: »Ich habe den Oheim umgebracht Und heische das eine: noch diese Nacht Die Strafe des Mordes zu büßen.«

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Illustration zu Das Bahrrecht

Interpretation

Das Gedicht "Das Bahrrecht" von Adolf Friedrich Graf von Schack erzählt die Geschichte des Grafen Otto, der eines Mordes verdächtigt wird. Um seine Unschuld zu beweisen, muss er eine alte mittelalterliche Prozedur namens "Bahrrecht" über sich ergehen lassen. Dabei muss er drei Stunden allein bei der Bahre seines verstorbenen Onkels wachen. Sollte aus den Wunden des Toten Blut fließen, gilt dies als Zeichen seiner Schuld. Otto betritt den düsteren Raum und sieht den leblosen Körper seines einstigen Ziehvaters vor sich. In Gedanken versunken, erinnert er sich an die gemeinsame Zeit mit dem Herzog, an die schönen und auch die schmerzhaften Momente. Doch plötzlich meint er, Blut aus den Wunden des Toten hervorquellen zu sehen, und glaubt, von Gott für den Mord bestraft zu werden. In seiner Angst und Verzweiflung wünscht er sich, die Strafe für seine Tat zu büßen. Als die Richter nach Ablauf der drei Stunden den Raum betreten und keine Blutflecken an der Bahre finden, erklären sie Otto für unschuldig. Doch anstatt sich zu freuen, gesteht er plötzlich den Mord an seinem Onkel. Das Gedicht endet mit Ottos verzweifeltem Ruf nach Bestrafung für seine Tat, die er offenbar die ganze Zeit über verdrängt und verleugnet hat.

Schlüsselwörter

graf otto liegt bahre wunden blut denkt umgebracht

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Da liegt der Greis, der einst ihn erzog
Anapher
Er denkt es; ihm deckt die Augen ein Flor; Blut, glaubt er, quill′ aus den Wunden hervor
Bildsprache
Bei flimmerndem Lampenschein
Binnenreim
Zum drittenmal Erduldetet ihr die Folterqual
Enjambement
Da liegt der Greis, der einst ihn erzog / Und mild des verwaisten Knappen pflog
Hyperbel
So klar meine Unschuld mache
Ironie
Glückauf, Graf Otto, besteigt Eur Roß; In Frieden kehrt heim nach Windeckschloß! Unschuldig seid Ihr befunden.
Kontrast
Sein Antlitz, drauf einst Liebe wie Haß So mächtig geflammt, nun welk und blaß
Metapher
»Nun geht, Graf Otto! Zum drittenmal Erduldetet ihr die Folterqual«
Personifikation
Durch die Thür ein läßt ihn die Wache
Reim
Nicht mehr, wie schwer ihn der Tote gekränkt, / Als er ihm die Tochter versagt, nun denkt
Synästhesie
Kalt auf die Stirne fühlt er es taun