Das Bächlein Celigny am Genfersee

Friederike Sophie Christiane Brun

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Es rauscht ein Bächlein durch grüne Kluft, Ich höre sein Rauschen so gerne; Durch wehende Wipfel strahlt blaue Luft, Da weidet der Blick in der Ferne! O Bächlein so lieb an des Hügels Hang, Dir möcht′ ich lauschen mein Lebenlang!

Wie lieblich sinket und steigt und schwillt In Wies′ und Wald das Gestade! Dort hebt das Gebirge sich duftumhüllt, Hier locken mich schattige Pfade; O süße Thäler, o Hügel so schön, Hier mögen sich Herz und Seel′ ergeh′n!

Wie lacht aus der Tiefe der blaue See, Von schneeigen Alpen umraget! Dort strahlt von Gold die ätherische Höh′, Wenn′s tief im Thal noch nicht taget; Des Frühscheins Schauer mich tief durchbebt, Der Geist und Sinne so frisch belebt!

Hinab den Pfad in die grüne Nacht, Wo dunkle Schatten nur wanken, Der Sonnenstrahl nur durch das Dickicht lacht, Dort wandeln die stillen Gedanken; Und Fall auf Fall stürzt der Bach dahin, Es folgt ihm gerne der trunkene Sinn!

O weh! wie schweigt′s in der öden Kluft, Wie schweigt′s durch die grünenden Hügel! Die Vöglein flieh′n in die weite Luft, Entfaltend dem Aether die Flügel! O süßes Bächlein so grün umlaubt, Wer hat uns dein liebliches Leben geraubt?

Der Neumond sucht und der Abendstern Die sanfte thauige Welle; Sie sah′n in der rauschenden Fluth sich gern, Und gern in der perlenden Quelle; Nun blicken sie still und trüb hinab In des kiesigen Bettes ödes Grab!

Und alles trauert und alles schweigt, Und Finsterniß lauscht in den Klüften; Der Platanus welkende Zweige neigt Aus sonnendurchglüheten Lüften: O Bächlein so lieb, o Bächlein so traut Komm wieder mit fröhlichem Silberlaut!

Er kömmt! schon rollt um des Berges Fuß Die heiter rieselnde Welle! Es hüpfet und rauschet mit vollem Guß, Und in der Tiefe wird′s helle! Die Fischlein schlüpfen aus Stein und Moos, Und scherzen dahin in des Freundes Schooß!

Und wir, wir singen mit frohem Schall: »O Bächlein sey uns willkommen! Du fehltest uns all′ und überall, Wer hatte dich Bächlein genommen? O Bächlein so hell und so lieb und so traut, Nie fehl′ uns dein fröhlicher Silberlaut!«

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Illustration zu Das Bächlein Celigny am Genfersee

Interpretation

Das Gedicht "Das Bächlein Celigny am Genfersee" von Friederike Sophie Christiane Brun beschreibt die tiefe Verbundenheit der lyrischen Ich-Figur mit einem kleinen Bach im Schweizer Alpenraum. Die ersten Strophen schildern die idyllische Naturkulisse am Genfersee, wobei der Bach als zentrales Element die Landschaft durchfließt. Die Sprecherin lauscht dem Rauschen des Baches und genießt den Anblick der umliegenden Berge, Täler und des Sees. Der Bach wird als liebevoller Begleiter personifiziert, dem die Sprecherin ihr Leben lang zuhören möchte. In den mittleren Strophen wendet sich die Stimmung ins Melancholische. Der Bach versiegt plötzlich, die Natur verstummt, die Vögel fliehen. Die Sprecherin trauert um den Verlust dieses "lieblichen Lebens". Die Nacht und Finsternis breiten sich aus, selbst der Mond und Abendstern blicken trüb auf das ausgetrocknete Bachbett. Die einst lebendige Naturkulisse erscheint nun öde und leblos. Doch im letzten Teil des Gedichts kehrt der Bach zurück, die Welle rieselt wieder "heiter" den Berg hinab. Die Fische kehren in den Bach zurück und die Sprecherin und andere Menschen begrüßen das Bächlein mit frohem Gesang. Die einstige Idylle scheint wiederhergestellt, der "fröhliche Silberlaut" des Baches erklingt erneut. Das Gedicht endet mit einem Lobgesang auf den wiedergekehrten Bach, der der Sprecherin so "lieb und traut" ist.

Schlüsselwörter

bächlein lieb schweigt grüne kluft gerne strahlt blaue

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Die Wiederholung des 's' in 'süße Thäler, o Hügel so schön'.
Bildsprache
Die Beschreibung der 'schneeigen Alpen' und des 'blauen Sees'.
Direkte Rede
Die Aufforderung 'O Bächlein sey uns willkommen!' und die Aussage 'Du fehlest uns all und überall'.
Hyperbel
Der Blick 'weidet' sich in der Ferne.
Kontrast
Der Kontrast zwischen der 'düftigen Höhe' und der 'tiefen Tiefe'.
Metapher
Die 'heiter rieselnde Welle'.
Personifikation
Die 'Fischlein' 'schlüpfen' aus Stein und Moos und 'scherzen' im Schoß des Bächleins.
Symbolik
Der 'Silberlaut' des Bächleins als Symbol für Freude und Leben.
Synästhesie
Die 'duftumhüllten' Berge.