Das Autograph
1844Pst! — St! — ja, ja, Das mocht′ eine Pracht noch heißen, Als ich am Ärmel sah Die goldenen Tressen gleißen! Wie waren die Hände weiß und weich, Wie funkelten die Demanten! Wie schwammen drüber, so duftig, reich, Die breiten Brüsseler Kanten!
Das waren Bilder und Lockenpracht, Wie mähnige Leun in Rahmen! Das Vasen! wo in der Galatracht Spazierten schäfernde Damen! Und, o, das war eine Blumensee, Ein farbiges Blütengewimmel! Das eine berauschende Äthernäh′ Von heißem südlichem Himmel!
Pst! — St! — ich duckt′ in meinem Fach, Pst! — still — wie Vögel im Nest, Und ward am Gitter die Brise wach, Dann ruschelt′ ich mit dem West. O, o! der war auch ein Vagabund: Von Bogen flog er zu Bogen, Hat aus der Siegel Granatenmund Säuselnde Küsse gesogen.
Pst! — drunten, hart an meiner Klaus′ Ein Tisch auf güldenen Krallen; Und wispelte ich zu weit hinaus, Ich wär′ auf den Amor gefallen; Der stand, einen Köcher in jeder Hand, Wie sinnend auf lustige Finte, Das Haupt gewendet vom stäubenden Sand, Und spiegelte sich in der Tinte.
Sieh! drüben der Türen Paneele, breit Geschmückt mit schimmernden Leisten! Wie hab′ ich geflattert und mich gefreut, Wenn leise knarrend sie gleißten! Dann kam das Ding — ein Mann? — ein Greis? — Nie konnte ich satt mich schauen, Daß seine Lockenkaskaden so weiß, So glänzend schwarz seine Brauen!
Schrieb, schrieb, daß die Feder knirrt′ und bog, Lang lange schlängelnde Kette, Und sachte über den Marmor zog Und schleifte sich die Manschette. Das summt′ und säuselte mir wie Traum, Wie surrender Bienen Lesen, Als sei ich einst ein seidener Schaum, Eine Spitzenmanschette gewesen.
Pst! — stille, — sieh, ein Andrer! — sieh! Wie schütteln des Schreibers Locken! Er beugt und schlenkert sich bis ans Knie, Schlürft und schleicht wie auf Socken. Ha! Es zupft mich, — ich falle, ich falle! — Da liege ich hülflos gebreitet, Und über mich die tintige Galle Wie Würmer krimmelt und gleitet.
Licht! Leben! durch die Fasern gießt Gleich Ichor sich der Menschengeist; Wie′s droben tönt, die Spalte fließt, Gedankenwelle schwillt und kreißt. » Viva!« — ein König wird gegrüßt — Es fault im Mark, die Rinde gleißt. Und Schiffe, schwer von Proviant, Ziehn übers Meer vom Nordenstrand.
Ich zittre, zittre; jenes Fremden Auge, Lichtblau und klar, ist über mich gebeugt; Ob es den Geist mir aus den Fasern sauge? Ich weiß es nicht, sein Blinzen sinkt und steigt, Ein Auge scharf wie Scheidewassers Lauge! — Er streicht die Brauen, faßt die Feder leicht — Nun schlängelt er — nun drunten steht es da: » Theodor′ il primo, re di Corsica.«
Pst! still! — der König spricht, Denar, halt Ruh! Was schaukelst dich, was klimperst du?
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Interpretation
Das Gedicht "Das Autograph" von Annette von Droste-Hülshoff erzählt aus der Perspektive eines Papiers, das in einem Schreibtischfach liegt und die Entstehung einer Autographensammlung beobachtet. Es beginnt mit einer nostalgischen Beschreibung vergangener Pracht, die durch die goldenen Tressen und die weißen, weichen Hände des Schreibers evoziert wird. Die Atmosphäre ist von einem Hauch von Geheimnis und Verzauberung durchdrungen, während das Papier die Szenerie mit den Bildern, Lockenpracht und einem Blumensee voller Farben und Düfte beschreibt. Im weiteren Verlauf des Gedichts wird die Szene lebendiger, als der Westwind und ein Amor auf dem Tisch erscheinen. Die detaillierten Beschreibungen der Umgebung, wie die geschmückten Türen und die prächtige Kleidung des Schreibers, schaffen eine reiche visuelle Kulisse. Das Papier selbst scheint in einen traumähnlichen Zustand zu versinken, in dem es sich als Spitzenmanschette fühlt, während der Schreiber eifrig seine Gedanken auf das Papier überträgt. Der Höhepunkt des Gedichts wird erreicht, als ein neuer Schreiber erscheint und das Papier in Tinte taucht, was zu einer tiefen Verwandlung führt. Das Papier durchlebt eine Art Erweckung, als der Geist des Menschen in seine Fasern fließt und es mit Leben und Gedanken erfüllt. Die abschließende Enthüllung des Königsnamens "Theodor il primo, re di Corsica" unterstreicht die Bedeutung des geschriebenen Wortes und die Macht, die in der Autographe liegt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Licht! Leben! durch die Fasern gießt Gleich Ichor sich der Menschengeist; Wie′s droben tönt, die Spalte fließt, Gedankenwelle schwillt und kreißt.
- Anapher
- Pst! — St! — ja, ja, Das mocht′ eine Pracht noch heißen, Als ich am Ärmel sah Die goldenen Tressen gleißen! Wie waren die Hände weiß und weich, Wie funkelten die Demanten! Wie schwammen drüber, so duftig, reich, Die breiten Brüsseler Kanten!
- Bildsprache
- Sieh! drüben der Türen Paneele, breit Geschmückt mit schimmernden Leisten! Wie hab′ ich geflattert und mich gefreut, Wenn leise knarrend sie gleißten!
- Enjambement
- Schrieb, schrieb, daß die Feder knirrt′ und bog, Lang lange schlängelnde Kette, Und sachte über den Marmor zog Und schleifte sich die Manschette.
- Hyperbel
- Und Schiffe, schwer von Proviant, Ziehn übers Meer vom Nordenstrand.
- Metapher
- O, o! der war auch ein Vagabund: Von Bogen flog er zu Bogen, Hat aus der Siegel Granatenmund Säuselnde Küsse gesogen.
- Personifikation
- Und, o, das war eine Blumensee, Ein farbiges Blütengewimmel! Das eine berauschende Äthernäh′ Von heißem südlichem Himmel!
- Reimschema
- Pst! still! — der König spricht, Denar, halt Ruh! Was schaukelst dich, was klimperst du?
- Symbolik
- Ich zittre, zittre; jenes Fremden Auge, Lichtblau und klar, ist über mich gebeugt; Ob es den Geist mir aus den Fasern sauge?
- Vergleich
- Pst! — St! — ich duckt′ in meinem Fach, Pst! — still — wie Vögel im Nest