Das Auge des Blinden

Conrad Ferdinand Meyer

1892

Durch das Marktgedräng von Namur Stelzt ein armer narbger Krüppel. “Leute, bringt mich zu Don Juan!, “Schweigst du wohl! Da ist Don Juan!”

“Schweigst du wohl, blick auf! da ist er!” In des Volkes Gasse reitet Ein Gespenst am hellen Tage: Don Juan der Österreicher -

Don Juan der Österreicher, Der im Wein das Gift getrunken König Philipps, seines Bruders, Und Don Juan weiss den Mörder.

Seinen Mörder kennt Don Juan, Auch den armen Krüppel kennt er, Der den Bügel ihm betastet, Der die Hand ihm deckt mit Küssen -

Der ihm deckt die Hand mit Küssen: “Bin zerfetzt wie eine Fahne! Wohne jetzt in Barcelona - Braves Volk, bei meiner Ehre!

Braves Volk! es speist und tränkt mich: Alter, leere dieses Glas mir!′ Alter, kanntest du Don Juan?′ `Sprich uns immer von Don Juan!′

Immer sprech ich von Don Juan! In den Schenken, an dem Hafen Gab ich tausendmal zum besten Bei Lepanto die Viktorie!

Die Viktorie von Lepanto Gab ich tausendmal zum besten … Hergestelzt bin ich nach Flandern Zu dem Abgott meines Lebens!

Helle Freude meines Lebens! Sohn des Kaisers! Kind des Glückes! Deines Volkes Held und Liebling! Ruhmgekrönter junger Feldherr!

Junger Feldherr mit dem Lorbeer In den goldnen Ringelhaaren, Mit dem Himmel in den Augen, Sonnig wie ein Engel Gottes!

Eia, schöner Engel Gottes! …” Durch die Menge, die des Todes Bild betrachtet, geht ein Schauder. Juan, der gespenstig bleiche,

Juan mit des Grabes Antlitz Sucht erstaunt das Aug des Krüppels - Ist es trunken? Lohts im Wahnsinn? Es ist leer. Es ist erloschen!

Ist dem Tageslicht erloschen. Don Juans zerstörte Jugend Blüht in eines Blinden Auge Fort in unversehrter Schönheit.

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Illustration zu Das Auge des Blinden

Interpretation

Das Gedicht "Das Auge des Blinden" von Conrad Ferdinand Meyer erzählt die tragische Geschichte des Don Juan von Österreich, eines gefeierten Feldherrn, der durch Gift getötet wurde. Die Handlung spielt in Namur, wo ein armer, narbiger Krüppel durch die Menge stelzt und die Menschen bittet, ihn zu Don Juan zu bringen. Als Don Juan erscheint, erkennt der Krüppel ihn und beginnt, ihm die Hand zu küssen. Der Krüppel, der in Barcelona lebt, ist ein Verehrer Don Juans, der von den Menschen aufgefordert wird, immer wieder von seinen Heldentaten zu erzählen, insbesondere von der Schlacht von Lepanto. Er hat Don Juan als seinen Lebensabgott verehrt und ist nach Flandern gereist, um ihn zu sehen. Don Juan, der durch das Gift seines Bruders König Philipps geschwächt ist, erkennt den Krüppel und ist überrascht von dessen leeren, erloschenen Augen. Die Interpretation des Gedichts legt nahe, dass der blinde Krüppel eine Art Spiegel für Don Juan darstellt. Während Don Juan durch das Gift und die Last seiner Taten gezeichnet ist, hat der Krüppel die Schönheit und den Ruhm Don Juans in seinem inneren Auge bewahrt. Das Gedicht thematisiert die Vergänglichkeit des äußeren Glanzes und die Beständigkeit der inneren Erinnerung. Es zeigt auch die Einsamkeit und den Verlust, die Don Juan trotz seines Ruhms erfährt, und die Verehrung, die er bei einfachen Menschen findet.

Schlüsselwörter

juan don krüppel schweigst volkes österreicher mörder kennt

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
[Durch das Marktgedräng von Namur Der im Wein das Gift getrunken Seinen Mörder kennt Don Juan]
Anapher
[Schweigst du wohl Braves Volk Immer sprech ich von Don Juan]
Anspielung
[Lepanto die Viktorie Sohn des Kaisers]
Hyperbel
[Gab ich tausendmal zum besten]
Metapher
[Bin zerfetzt wie eine Fahne Mit dem Himmel in den Augen]
Personifikation
[Helle Freude meines Lebens]
Vergleich
[Sonnig wie ein Engel Gottes]