Das Auge der Schlange

Joseph Christian von Zedlitz

1837

Kennst Du die Sage wohl von jener Schlange, Der sichrer Tod im Blick des Auges liegt! Der Vogel, der sie ansieht, wirr und bange, Fällt starr vom Zweig, auf dem er sich gewiegt.

Das Häschen, das geduckt im Grase lauschet, Von ihrem Anschaun wundersam umstrickt, Wird willenlos und zauberhaft berauschet, Und stirbt, sobald ihr Aug’ es angeblickt.

Sie aber glänzt in bunten Farbenringen, Und achtet nicht der Beute, die sie hält, Die Macht nur ist’s, der Sieg und das Gelingen, Es ist das grause Spiel, das ihr gefällt. –

So bist auch Du! Dein Bild ist’s, das ich male, Der dunkeln Sterne unglücksel’ge Pracht; Mit ihrem Glanz, mit ihrem Zauberstrahle, Mit ihrem Reiz, mit ihrer Todesmacht! –

Doch nein! verzeih’ – wie glichst Du diesem Bilde! Wie tödtlich auch das dunkle Auge blickt, Ist nicht sein Licht tiefsinnig, hold und milde? Ist’s seine Schuld, daß es mit Tod umstrickt? –

Spricht es nicht mitleidsvoll: geht, bleibet ferne, Ihr dauert mich und Euer Mißgeschick; Ihr kennt sie nicht, die unheilvollen Sterne, Sie tödten, wenn Ihr naht, drum weicht zurück! –

Und wenn ein tief verhängnißvoll Gelüsten Sie dennoch treibt, wie wär’ es Deine Schuld? Du machtest gern der Armen Leben fristen, Denn Du bist sanft und süß, und voller Huld!

Laß sie gewähren! Selig, wem zu sterben Im Himmel Deines Blicks ein Gott beschert! – Den süßen Tod, wer möcht’ ihn nicht erwerben; Doch wer ist wohl ihn zu erwerben werth?

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Das Auge der Schlange

Interpretation

Das Gedicht "Das Auge der Schlange" von Joseph Christian von Zedlitz handelt von der faszinierenden und zugleich gefährlichen Wirkung eines Blicks, der an die Sage von der Schlange erinnert, deren Blick tödlich ist. Der Sprecher vergleicht diesen Blick mit dem der angesprochenen Person, deren dunkle Augen eine ähnlich verheerende Wirkung auf andere haben. Die Schönheit und der Zauber dieser Augen sind betörend, doch wer ihnen begegnet, verfällt einem unwiderstehlichen Bann und stirbt schließlich an ihrer Anziehungskraft. Im zweiten Teil des Gedichts revidiert der Sprecher jedoch seine harsche Kritik. Er erkennt, dass die Person mit den dunklen Augen nicht schuld an ihrer verhängnisvollen Ausstrahlung ist. Vielmehr warnt sie die Betroffenen mitfühlend und mitleidsvoll vor der Gefahr, die von ihrem Blick ausgeht. Sie selbst möchte niemandem Schaden zufügen und ist sanftmütig und voller Güte. Der Sprecher sieht in ihr eine tragische Figur, die unter der Last ihrer unwiderstehlichen Anziehungskraft leidet. Das Gedicht endet mit einer ironischen Wendung. Der Sprecher meint, dass es ein Segen sei, wenn man im Himmel des Blicks der angesprochenen Person sterben dürfe. Der süße Tod, den ihr Blick beschert, sei so begehrt, dass man sich fragen müsse, wer würdig genug sei, ihn zu erwerben. Diese Aussage unterstreicht die ambivalente Natur des Blicks: er ist zugleich faszinierend und tödlich, wünschenswert und verhängnisvoll. Das Gedicht thematisiert die ambivalente Natur der Anziehungskraft und die damit verbundene Gefahr, die von ihr ausgeht.

Schlüsselwörter

tod umstrickt sterne schuld erwerben kennst sage schlange

Wortwolke

Wortwolke zu Das Auge der Schlange

Stilmittel

Bildsprache
Sie aber glänzt in bunten Farbenringen, Und achtet nicht der Beute, die sie hält, Die Macht nur ist's, der Sieg und das Gelingen, Es ist das grause Spiel, das ihr gefällt.
Hyperbel
Laß sie gewähren! Selig, wem zu sterben Im Himmel Deines Blicks ein Gott beschert!
Ironie
Spricht es nicht mitleidsvoll: geht, bleibet ferne, Ihr dauert mich und Euer Mißgeschick;
Metapher
Kennst Du die Sage wohl von jener Schlange, Der sichrer Tod im Blick des Auges liegt!
Personifikation
Der Vogel, der sie ansieht, wirr und bange, Fällt starr vom Zweig, auf dem er sich gewiegt.
Rhetorische Frage
Den süßen Tod, wer möcht' ihn nicht erwerben; Doch wer ist wohl ihn zu erwerben werth?
Vergleich
So bist auch Du! Dein Bild ist's, das ich male, Der dunkeln Sterne unglücksel'ge Pracht;