Das Armenhaus
1844Hart am Saum einer rührigen Stadt Steht ein viereckt Gebäude, massig und grau; Von des Kirchspiels Armen wird es bewohnt, Und sie selbst auch erhuben den finstern Bau; Und sie drücken ans Eisengitter die Stirn, Und sie schau´n durch die Stäbe mit trotziger Brau.
Hinter dem Bau liegt ein Rasenfleck, Den ein Dornzaun scheidet vom Moorgefild; Nebenan stiehlt ein Gäßchen zum Steinbruch sich, Den der Regen vieler Jahre füllt; Aber drin, aber drin! da, in all´ ihrer Qual, Sitzt die Armut, und flucht, und murmelt wild!
Tritt ein! in den Höfen, hoch umwallt, Messen grimme Männer den nackten Grund; In die langen, öden Kammern tritt – Mädchen genug, doch stumm jeder Mund! Emsig näh´n sie, von früh bis zur Nacht, Doch kein Lachen erschallt, kein Lied geht rund.
Keine Gemeinschaft im Armenhaus! In des Armen Brust kein liebend Versteh´n! Trüb seine herbe Vergangenheit! Seine Zukunft – kaum wagt er´s hineinzuspäh´n: Brot im Gefängnis, das steht ihm bevor, Oder Hunger draußen im Windesweh´n!
Wo ist die Lachende, die vordem Ihren Vater umspielt am ländlichen Hag? Wo der Knab´, dessen Auge der Mutter Licht, Auf des Haupt ihre segnende Rechte lag? Getrennt, geschieden, (so will´s das Gesetz!) Abgesperrt voneinander bei Nacht und bei Tag.
O, sie lehren in ihren Schulen viel – Nur das eine, was die Natur lehrt, nicht! Nur nicht, was das Kind an die Eltern knüpft: Nur nicht opfernde Liebe, freudige Pflicht! O, nichts Gutes lernt man, wo töricht und hart Der Natur und dem Herzen den Stab man bricht!
Siebenzehn Sommer – und wo das Kind, Die nicht aufwuchs an ihres Vaters Knie? Zwanzig Herbste – und wo der Knab´, Den ein Mutterwort unterwiesen nie? Er, in Ketten, schafft an der Südsee Strand; In den Gassen bei Nacht ihr Brot sucht sie
O Weisheit, o Macht, o Gesetz – blickt herab Auf die schmachtende Armut von eurer Höh´! O, trennt keine Herzen, die Gott verband, Eins zu sein in Wohl und in Weh! O ihr Ernsten, die ihr am Ruder steht – Dachtet ihr dieses Ernstes je?
O Reichtum, komm und öffne die Hand! O Mildigkeit, komm und schließe den Bund! Gib dem Alter, der Jugend! der Liebe gib! Segne, erfreue, mache gesund! Doch zu spät! denn ich höre – und morgen schon!– Der Rebellentrommel fordernden Ton Schüttern den festen englischen Grund!
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Interpretation
Das Gedicht "Das Armenhaus" von Ferdinand Freiligrath beschreibt die triste und herzzerreißende Realität eines Armenhauses in einer geschäftigen Stadt. Das Gebäude, massig und grau, wird von den Armen des Kirchspiels bewohnt und selbst erhoben. Die Bewohner drücken ihre Stirn gegen das Eisengitter und blicken trotzig durch die Stäbe, was ihre Verzweiflung und ihren Zorn über ihre Lage verdeutlicht. Hinter dem Gebäude liegt ein Rasenfleck, getrennt vom Moorgefild durch einen Dornzaun. Ein Gäßchen führt zum Steinbruch, der von vielen Jahren Regen gefüllt ist. Inmitten ihrer Qual sitzen die Armen, fluchen und murmeln wild. Die Atmosphäre im Armenhaus ist düster und trostlos. Grimme Männer messen den nackten Grund in den Höfen, und in den langen, öden Kammern herrscht Stille. Mädchen nähen emsig von früh bis zur Nacht, doch Lachen oder Gesang sind nicht zu hören. Es herrscht keine Gemeinschaft, keine liebende Verständigung in den Herzen der Armen. Ihre Vergangenheit ist bitter, und ihre Zukunft ist ungewiss, mit dem Gefängnis oder Hunger als mögliche Ausgänge. Das Gedicht kritisiert auch das Gesetz, das Familien trennt und Kinder von ihren Eltern isoliert. Es fragt, wo die lachende Tochter ist, die einst ihren Vater am ländlichen Hag umspielte, und wo der Junge ist, dessen Auge das Licht seiner Mutter war. Das Gesetz trennt sie nachts und tags, und die Kinder wachsen ohne die Liebe und Erziehung ihrer Eltern auf. Das Gedicht fordert die Weisheit, Macht und das Gesetz auf, herabzublicken auf die schmachtende Armut und die Herzen nicht zu trennen, die Gott verband. Es ruft den Reichtum und die Mildigkeit auf, ihre Hand zu öffnen und den Bund zu schließen, dem Alter, der Jugend und der Liebe zu geben, zu segnen, zu erfreuen und gesund zu machen. Doch es ist zu spät, denn die Rebellentrommel erschüttert den festen englischen Grund.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Siebenzehn Sommer – und wo das Kind, Zwanzig Herbste – und wo der Knab´
- Apostrophe
- O Reichtum, komm und öffne die Hand! O Mildigkeit, komm und schließe den Bund!
- Appell
- O Weisheit, o Macht, o Gesetz – blickt herab
- Bildsprache
- Und sie drücken ans Eisengitter die Stirn, und sie schau´n durch die Stäbe mit trotziger Brau
- Hyperbel
- Trüb seine herbe Vergangenheit
- Ironie
- Brot im Gefängnis, das steht ihm bevor
- Kontrast
- Doch kein Lachen erschallt, kein Lied geht rund
- Metapher
- Schüttern den festen englischen Grund
- Personifikation
- Und sie selbst auch erhuben den finstern Bau
- Rhetorische Frage
- Wo ist die Lachende, die vordem ihren Vater umspielt am ländlichen Hag?
- Symbolik
- Hinter dem Bau liegt ein Rasenfleck, den ein Dornzaun scheidet vom Moorgefild
- Vorahnung
- Doch zu spät! denn ich höre – und morgen schon!– Der Rebellentrommel fordernden Ton