Das Alter
1729Euch, lose Mädchen, hör′ ich sagen: »Du bist ja alt, Anakreon. Sieh her! du kannst den Spiegel fragen, Sieh, deine Haare schwinden schon; Und von den trocknen Wangen Ist Blut′ und Reiz entflohn.« – Wahrhaftig! ob die Wangen Noch mit dem Lenze prangen, Wie, oder ob den Wangen Der kurze Lenz vergangen, Das weiß ich nicht; doch was ich weiß, Will ich euch sagen: daß ein Greis, Sein Bißchen Zeit noch zu genießen, Ein doppelt Recht hat, euch zu küssen.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Alter" von Gotthold Ephraim Lessing beschäftigt sich mit dem Thema des Alterns und der damit verbundenen gesellschaftlichen Wahrnehmung. Der Sprecher, der als alter Mann dargestellt wird, wird von jungen Mädchen kritisiert, die auf sein fortgeschrittenes Alter und den Verlust jugendlicher Schönheit hinweisen. Sie betonen die physischen Veränderungen, wie das Ausdünnen der Haare und das Erlöschen jugendlicher Frische im Gesicht. Diese Kritik spiegelt die gesellschaftliche Tendenz wider, den Wert einer Person anhand äußerer Merkmale und jugendlicher Vitalität zu bemessen. Der Sprecher reagiert auf diese Kritik mit einer Mischung aus Resignation und Selbstbewusstsein. Er gibt zu, dass er die Veränderungen an sich selbst bemerkt hat, zeigt aber auch eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber dem Verlust seiner jugendlichen Erscheinung. Die Frage, ob seine Wangen noch mit dem Frühling prangen oder ob der kurze Frühling bereits vergangen ist, deutet auf eine Unsicherheit bezüglich seines eigenen Aussehens hin. Doch letztendlich ist es ihm egal, wie er aussieht, da er sich auf das Wesentliche konzentriert. Der letzte Vers des Gedichts bringt die eigentliche Botschaft zum Ausdruck: Trotz des Alters und der damit verbundenen gesellschaftlichen Kritik behauptet der Sprecher sein Recht, das Leben zu genießen und die Gesellschaft junger Frauen zu suchen. Der "doppelte Recht" auf einen Kuss symbolisiert nicht nur die Freiheit, nach Glück und Zuneigung zu streben, unabhängig vom Alter, sondern auch eine Art Trotz gegenüber der altersdiskriminierenden Gesellschaft. Lessing vermittelt durch dieses Gedicht eine Botschaft der Selbstakzeptanz und des Lebenswillens, die über die äußeren Merkmale des Alterns hinausgeht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- »Du bist ja alt, Anakreon. Sieh her! du kannst den Spiegel fragen, Sieh, deine Haare schwinden schon; Und von den trocknen Wangen
- Hyperbel
- Und von den trocknen Wangen Ist Blut′ und Reiz entflohn
- Metapher
- Sieh, deine Haare schwinden schon
- Rhetorische Frage
- Wahrhaftig! ob die Wangen Noch mit dem Lenze prangen, Wie, oder ob den Wangen Der kurze Lenz vergangen