Das alte Wirtshaus

Hanns von Gumppenberg

1928

Jüngst ging ich meinem Verlangen nach In ein Bergnest, das einst mich freute: Noch flirrten die Erlen, noch rauschte der Bach, Noch grüßten mich freundliche Leute.

Doch den Platz, wo ich damals träumte und trank In brausenden Jugendstunden: Vorm alten Wirtshaus die alte Bank, Die hab’ ich nimmer gefunden.

Ein grellfunkelnagelneues Hotel Stand breit an selbigem Orte: Kein braunverwettertes Holzgestell, Ein Gebäude patentester Sorte.

Wohl war mein Wirtshaus lediglich Eine Einkehr für die Bagage - Das neue, gottlob, das hält auf sich, Und hat sogar Autogarage!

Es gibt dort auch Bols und deutschen Sekt Und feinsten Aufschnitt, kalten - Mir aber hätte viel besser geschmeckt Ein Schwarzbrotkeil in dem alten,

Dazu eine Maß vom Bauernfaß Aus dem Krug mit dem Glaskarfunkel - Ich blieb nicht lange, ich schritt fürbaß, Und der Abend war traurig und dunkel.

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Illustration zu Das alte Wirtshaus

Interpretation

Das Gedicht "Das alte Wirtshaus" von Hanns von Gumppenberg handelt von der Rückkehr des lyrischen Ichs an einen Ort aus seiner Jugend, der sich jedoch stark verändert hat. Der Erzähler besucht ein Bergnest, das ihm einst Freude bereitet hat, und erinnert sich an die freundlichen Leute, die flirrenden Erlen und den rauschenden Bach. Doch als er den Platz sucht, an dem er einst träumte und trank, findet er die alte Bank vor dem Wirtshaus nicht mehr vor. Anstelle des alten Wirtshauses steht nun ein grellfunkelndes, nagelneues Hotel, das einen starken Kontrast zu der rustikalen Atmosphäre der Vergangenheit bildet. Das neue Gebäude ist von patentester Sorte und verfügt sogar über eine Autogarage. Obwohl das Hotel eine breite Auswahl an Getränken und Speisen bietet, darunter Bols, deutschen Sekt und feinsten Aufschnitt, hätte dem Erzähler ein einfacher Schwarzbrotkeil und eine Maß vom Bauernfass aus dem alten Krug viel besser geschmeckt. Das Gedicht vermittelt ein Gefühl von Nostalgie und Verlust, da das lyrische Ich die Veränderungen, die der Ort erfahren hat, bedauert. Die moderne Ausstattung des neuen Hotels steht im krassen Gegensatz zu den einfachen, aber geschätzten Annehmlichkeiten des alten Wirtshauses. Der Erzähler bleibt nicht lange im neuen Hotel und verlässt den Ort mit einem traurigen und dunklen Gefühl, was die Enttäuschung über die Veränderungen und den Verlust der Vergangenheit unterstreicht.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Das alte Wirtshaus

Stilmittel

Alliteration
Noch flirrten die Erlen, noch rauschte der Bach
Enjambement
Doch den Platz, wo ich damals träumte und trank / In brausenden Jugendstunden
Hyperbel
Ein grellfunkelnagelneues Hotel
Ironie
Wohl war mein Wirtshaus lediglich / Eine Einkehr für die Bagage - / Das neue, gottlob, das hält auf sich, / Und hat sogar Autogarage!
Kontrast
Ein grellfunkelnagelneues Hotel / Stand breit an selbigem Orte: / Kein braunverwettertes Holzgestell, / Ein Gebäude patentester Sorte
Metapher
Das neue, gottlob, das hält auf sich
Personifikation
Noch grüßten mich freundliche Leute
Vergleich
Mir aber hätte viel besser geschmeckt / Ein Schwarzbrotkeil in dem alten