Das alte Schloß

Annette von Droste-Hülshoff

1844

Auf der Burg haus′ ich am Berge, Unter mir der blaue See, Höre nächtlich Koboldzwerge, Täglich Adler aus der Höh′, Und die grauen Ahnenbilder Sind mir Stubenkameraden, Wappentruh′ und Eisenschilder Sofa mir und Kleiderladen.

Schreit′ ich über die Terrasse Wie ein Geist am Runenstein, Sehe unter mir die blasse Alte Stadt im Mondenschein, Und am Walle pfeift es weidlich, - Sind es Käuze oder Knaben? - Ist mir selber oft nicht deutlich, Ob ich lebend, ob begraben!

Mir genüber gähnt die Halle, Grauen Tores, hohl und lang, Drin mit wunderlichem Schalle O Langsam dröhnt ein schwerer Gang; Mir zur Seite Riegelzüge, Ha, ich öffne, laß die Lampe Scheinen auf der Wendelstiege Lose modergrüne Rampe,

Die mich lockt wie ein Verhängnis, Zu dem unbekannten Grund; Ob ein Brunnen? ob Gefängnis? Keinem Lebenden ist′s kund; Denn zerfallen sind die Stufen, Und der Steinwurf hat nicht Bahn, Doch als ich hinab gerufen, Donnert′s fort wie ein Orkan.

Ja, wird mir nicht baldigst fade Dieses Schlosses Romantik, In den Trümmern, ohne Gnade, Brech′ ich Glieder und Genick; Denn, wie trotzig sich die Düne Mag am flachen Strande heben, Fühl′ ich stark mich wie ein Hüne, Von Zerfallendem umgeben.

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Illustration zu Das alte Schloß

Interpretation

Das Gedicht "Das alte Schloß" von Annette von Droste-Hülshoff schildert die unheimliche und mystische Atmosphäre einer alten Burg. Die Sprecherin lebt auf der Burg, umgeben von einem blauen See, und hört nachts Koboldzwerge und tagsüber Adler. Die Ahnenbilder sind ihre ständigen Begleiter, während Wappentruhe und Eisenschilder als Möbel dienen. Die Burg strahlt eine gespenstische Stimmung aus, in der die Grenzen zwischen Leben und Tod verschwimmen. Die Burg wird als Ort des Geheimnisses und der Vergänglichkeit dargestellt. Die Halle mit ihrem hohlen und langen Tor erzeugt einen unheimlichen Klang, wenn sich ein schwerer Gang langsam bewegt. Die Sprecherin öffnet die Tür und lässt das Licht auf eine morsch-grüne Treppe scheinen, die sie in das Unbekannte lockt. Es bleibt unklar, ob sich am Ende der Treppe ein Brunnen oder ein Gefängnis befindet, da die Stufen zerfallen sind und kein Lebender die Wahrheit kennt. Die Sprecherin drückt ihre wachsende Unzufriedenheit mit der romantischen Atmosphäre der Burg aus. Sie droht, in den Trümmern ihr Leben zu lassen, wenn ihr die Schlossromantik nicht bald fade wird. Trotz der Zerfallsprozesse fühlt sie sich stark und unbesiegbar, wie ein Hüne, der von Verfallendem umgeben ist. Das Gedicht vermittelt eine Mischung aus Faszination und Bedrohung, die von der alten Burg ausgeht.

Schlüsselwörter

grauen burg haus berge blaue see höre nächtlich

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Stilmittel

Bildsprache
Von Zerfallendem umgeben
Metapher
Denn, wie trotzig sich die Düne Mag am flachen Strande heben
Personifikation
Höre nächtlich Koboldzwerge
Rhetorische Frage
Keinem Lebenden ist′s kund;
Vergleich
Fühl′ ich stark mich wie ein Hüne