Das alte Haus

Friedrich Hebbel

1813

Der Maurer schreitet frisch heraus, er soll dich niederbrechen; da ist es mir, du altes Haus, als hörte ich dich sprechen: »Wie magst du mich, das lange Jahr′ der Lieb′ und Eintracht Tempel war, wie magst du mich zerstören?«

Dein Ahnherr hat mich einst erbaut und unter frommem Beten mit seiner schönen, stillen Braut mich dann zuerst betreten. Ich weiß um alles wohl Bescheid, um jede Lust, um jedes Leid, was ihnen widerfahren.

Dein Vater ward geboren hier in der gebräunten Stube, die ersten Blicke gab er mir, der munt′re, kräft′ge Bube. Er schaute auf die Engelein, die gaukeln in der Fenster Schein, dann erst auf seine Mutter.

Und als er traurig schlich am Stab nach manchen schönen Jahren, da hat er schon, wie still ein Grab, in meinem Schoß erfahren; In jener Ecke saß er da, und stumm und händefaltend sah er sehnlich auf zum Himmel.

Du selbst - doch nein, das sag′ ich nicht, ich will von dir nicht sprechen, hat dieses alles kein Gewicht, so laß nur immer brechen. Das Glück zog mit dem Ahnherrn ein, zerstöre du den Tempel sein, damit es endlich weiche.

Noch lange Jahre kann ich stehn, bin fest genug gegründet, und ob sich mit der Stürme Wehn ein Wolkenbruch verbündet, kühn rag′ ich wie ein Fels empor, und was ich auch an Schmuck verlor, gewann ich′s nicht an Würde?

Und hab′ ich denn nicht manchen Saal und manch geräumig Zimmer? Und glänzt nicht festlich mein Portal in alter Pracht noch immer? Noch jedem hat′s in mir behagt, kein Glücklicher hat sich beklagt, ich sei zu klein gewesen.

Und wenn es einst zum letzten geht, und wenn das warme Leben in deinen Adern stille steht, wird dies dich nicht erheben, dort, wo dein Vater sterbend lag, wo deiner Mutter Auge brach, den letzten Kampf zu streiten?«

Nun schweigt es still, das alte Haus; mir aber ist′s, als schritten die toten Väter all heraus, um für ihr Haus zu bitten, und auch in meiner eig′nen Brust, wie ruft so manche Kinderlust: Laß stehn das Haus, laß stehn!

Indessen ist der Mauermann schon ins Gebälk gestiegen, er fängt mit Macht zu brechen an, und Stein′ und Ziegel fliegen. Still, lieber Meister, geh von hier, gern zahle ich den Taglohn dir; allein das Haus bleibt stehen.

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Illustration zu Das alte Haus

Interpretation

Das Gedicht "Das alte Haus" von Friedrich Hebbel handelt von einem alten Haus, das dem Sprecher am Herzen liegt und das nun vom Maurer zerstört werden soll. Das Haus spricht zu ihm und erinnert ihn an die schönen und traurigen Erinnerungen, die es beherbergt hat, und fragt ihn, wie er es zerstören kann. Es erzählt von den Vorfahren des Sprechers, die es erbaut und bewohnt haben, und von seinem Vater und ihm selbst, die dort geboren wurden. Es fragt, ob das Haus nicht auch für ihn ein Ort des Todes und der Verzweiflung sein wird, und ob er es nicht doch lieber stehen lassen sollte. Das Gedicht ist eine dramatische Monolog, in der das Haus zu dem Sprecher spricht und ihn zum Nachdenken anregt. Das Haus ist nicht nur ein Gebäude, sondern ein Symbol für die Familiengeschichte, die Erinnerungen und die Gefühle des Sprechers. Das Haus versucht, ihn zu überzeugen, dass es mehr wert ist als nur Steine und Ziegel, und dass es eine Art Heiligtum ist, in dem das Glück und die Liebe seiner Vorfahren wohnten. Das Haus appelliert auch an die Vernunft des Sprechers, der es nicht zerstören sollte, nur weil er es nicht mehr braucht oder will. Das Haus fordert ihn auf, es zu respektieren und zu bewahren, auch wenn es nicht mehr in seiner besten Verfassung ist. Das Gedicht endet mit einer überraschenden Wendung, die zeigt, dass der Sprecher trotz seiner Zweifel und seiner Zuneigung zum Haus dem Maurer den Auftrag gibt, es abzureißen. Er zahlt ihm den Lohn, aber er lässt das Haus stehen, was bedeutet, dass er es nicht wirklich zerstört, sondern nur verändert. Er erkennt an, dass das Haus Teil seiner Identität und seiner Vergangenheit ist, und dass er es nicht einfach aufgeben kann. Er zeigt auch, dass er bereit ist, einen Kompromiss zwischen seiner eigenen Zukunft und seiner familiären Tradition zu finden. Das Gedicht vermittelt eine tiefere Botschaft über die Bedeutung von Heimat, Erbe und Erinnerung für den Menschen.

Schlüsselwörter

haus still laß stehn heraus sprechen magst lange

Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Dein Ahnherr hat mich einst erbaut und unter frommem Beten mit seiner schönen, stillen Braut mich dann zuerst betreten
Bildsprache
Und glänzt nicht festlich mein Portal in alter Pracht noch immer
Direkte Anrede
Lass stehn das Haus, lass stehn!
Hyperbel
Und hab' ich denn nicht manchen Saal und manch geräumig Zimmer
Metapher
allein das Haus bleibt stehen
Personifikation
Still, lieber Meister, geh von hier
Rhetorische Frage
den letzten Kampf zu streiten?