Das Alpenglühen
1876Das ist im Thal ein Glänzen, Kosen Von Blumen, Bäumen, Sonnenlicht, Durch die sich, wie lebend’ge Rosen, Ein Kranz von blüh’nden Menschen flicht!
Mit kaltem strengen Angesichte Blickt nur das Alpenhaupt darein; Ist’ s denn nicht auch berührt vom Lichte? Was mag sein düstres Sinnen sein?
Nacht ist’s geworden allzuschnelle Und Dunkel hüllt des Thales Hag; Nicht ahnt, wer’s sah so froh und helle, Daß es so finster, stumm sein mag!
Auf allen Wesen, graunbeklommen, Der Finsterniß Vernichtung ruht! Einst, als die erste Nacht gekommen, Wie war es, Mensch, dir da zu Muth?
Den Bäumen bangt und graut im Düstern, Die Zweige tasten scheu im Kreis; Ihr Dasein noch sich zuzuflüstern Beginnt’s im Laub zu rauschen leis.
Der Rose Gluth kann jetzt nicht hellen! Daß sie der Mensch zertrete nicht, Läßt sie ihr Duften bange quellen, Ihr Duft wird Hülfeschrei und Licht!
Der Lichterglanz, der wie mit Sehnen Im Thal aus Fensteraugen bricht, Er quillt wie flammenhelle Thränen Um ein verlornes, größres Licht.
Doch sieh vom Flammenkranz umschlungen Das Haupt der Alpe, gluthumrollt, Als ob zu sparen ihr gelungen Ein Theil von ihrem Tagesgold!
Als ob tagüber sie gefangen Im Kranz die Rosen all’ im Thal; Als ob bei Tag dir von den Wangen, Du Volk des Thals, das Roth sie stahl!
Wenn um der Witwe Leib sich senken Die schwarzen Trauerhüllen dicht, Glüht oft ein süßes Rückgedenken Noch fort auf ihrem Angesicht.
Du aber, heitres Herz im Thale, Nun deine hellen Tage blühn, Bewahre sorgsam ihre Strahle, In deinen Nächten nachzuglühn.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Alpenglühen" von Anastasius Grün schildert den Kontrast zwischen dem lichtdurchfluteten Tal und dem strengen Alpenhaupt. Während das Tal in einem warmen, blühenden Licht erstrahlt, das von Blumen, Bäumen und Menschen geteilt wird, blickt das Alpenhaupt mit kaltem, strengem Gesicht darauf. Der Dichter fragt sich, ob auch das Alpenhaupt vom Licht berührt wird und was seine düsteren Gedanken bedeuten mögen. Die Stimmung im Tal wendet sich plötzlich, als die Nacht hereinbricht und alles in Dunkel hüllt. Die einst fröhliche und helle Atmosphäre wird zu einer finsteren und stillen. Die Angst und das Grauen der Nacht breiten sich über alle Wesen aus, und selbst die Bäume zittern im Dunkeln. Die Rose gibt ihren Duft als Hilferuf und Lichtzeichen, während das Licht aus den Fenstern des Tals wie flammende Tränen um ein verlorenes, größeres Licht wirkt. Das Gedicht endet mit einer hoffnungsvollen Botschaft an das heitere Herz im Tal. Es ermahnt den Leser, die hellen Tage sorgsam zu bewahren und ihre Strahlen in den Nächten nachglühen zu lassen. Diese Aufforderung erinnert an das Alpenglühen, das auch nach Sonnenuntergang noch als ein sanftes Leuchten am Himmel zu sehen ist. Das Gedicht vermittelt somit eine Botschaft der Hoffnung und des Trostes in dunklen Zeiten.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Läßt sie ihr Duften bange quellen
- Anapher
- Der Bäume bangt und graut im Düstern / Die Zweige tasten scheu im Kreis
- Appell
- Bewahre sorgsam ihre Strahle, / In deinen Nächten nachzuglühn
- Bildhaftigkeit
- Wenn um der Witwe Leib sich senken / Die schwarzen Trauerhüllen dicht
- Bildsprache
- Durch die sich, wie lebend'ge Rosen, / Ein Kranz von blüh'nden Menschen flicht
- Frage
- Ist's denn nicht auch berührt vom Lichte? / Was mag sein düstres Sinnen sein?
- Hyperbel
- Als ob tagüber sie gefangen / Im Kranz die Rosen all' im Thal
- Kontrast
- Nacht ist's geworden allzuschnelle / Und Dunkel hüllt des Thales Hag
- Metapher
- Das ist im Thal ein Glänzen, Kosen / Von Blumen, Bäumen, Sonnenlicht
- Personifikation
- Mit kaltem strengen Angesichte / Blickt nur das Alpenhaupt darein
- Symbolik
- Der Lichterglanz, der wie mit Sehnen / Im Thal aus Fensteraugen bricht
- Vergleich
- Wie war es, Mensch, dir da zu Muth?