Das abgeschiedne Kind an seine Mutter

Friedrich Hebbel

unknown

Zu Weihnacht.

O, meine Mutter, schwer war unser Scheiden, Drum muß ich mich noch einmal zu dir wenden, Dich zu beschwichtigen in deinem Leiden! Und ob mich auch die tausend Sonnen blenden, Die still und groß an mir vorüber wallen, Doch find′ ich sie, der sie die Strahlen senden, - Denn deine Tränen leuchten mir vor allen! - Die Erde noch heraus, die dämmernd-kleine, Die, sonst verschwimmend in den blauen Hallen, Jetzt heller aufglänzt, wie im eignen Scheine. Denn fröhlich sind der Menschen Angesichter, Und keines ist verdüstert, als das deine! Die Kinder hüpfen um die Weihnachtslichter, Die ihre Mütter ihnen angezündet, Du siehst es und verhüllst dich dicht und dichter. Ich aber will, geheimnisvoll verbündet Mit meines Vaters Geist, nicht von dir lassen, Bis ich das Wort der Worte dir verkündet, Das, kannst du′s auch nicht ungestorben fassen, Doch all dein Sinnen fesselt und dein Denken, Bis es sich ganz dir aufschließt im Erblassen. Ich will in meinen Vater mich versenken, Ich will mein tiefstes Ahnen ihm entdecken, Ich will ihm Bilder und Gedanken schenken, Die selbst vor einem Dichter sich verstecken. Und faßt er sie so wenig, wie die Harfe Den Ton, den Abendlispel in ihr wecken, So wird er doch nach innerstem Bedarfe Sie fromm in deine Brust hinüber leiten, Dann löst in ihr der Mißlaut sich, der scharfe, Da ew′ge Harmonieen ihn bestreiten. O, hadre nimmer mit den Urgewalten, Die, ruhig thronend über allen Zeiten, In festen Händen jeglich Schicksal halten! De Lebens Schönheit wollt′ ich dir erschließen, Des Todes Schrecken mußt′ ich dir entfalten, Die ird′schen Wonnen brannt′ ich, zu genießen, Doch zu den höhern ward ich abgerufen. Dir war, als sähst du mich in Nichts zerfließen, Als mich′s erhob zur letzten aller Stufen, Ich selber sträubte mich, obgleich mein Beben Und Säumen einzig so viel Qual mir schufen. Ich glich in meinem eitlen Widerstreben Dem Eingekerkerten, der das Gefängnis, Wenn es zusammenstürzt in Windes Weben, Nicht lassen will in seines Herzens Bängnis, Es fällt kein Stein, der ihm nicht Wunden schlüge, Bis er entspringt, dann faßt er das Verhängnis Und tut im Freien frische Atemzüge. Mir war, wie ich da lag in meinen Wehen, Als könnt′ ich′s nie verwinden, was ich trüge; Jetzt ist es mir, als wär′s mir nie geschehen, Und, wie du meines Friedens reine Fülle, So kann ich deinen Schmerz nicht mehr verstehen. Mich schaudert′s vor der abgeworfnen Hülle, Auch fürchte ich, es würde dich nicht heilen, Sonst zeigte ich in mitternächt′ger Stille Mich, wie ich war, in Träumen dir zuweilen. Jetzt hält ja keine Form mich mehr gefangen, Kann ich auch jede, wolkengleich, zerteilen; Ich bin, was meinem innersten Verlangen Entspricht, und bin′s nicht mehr, sobald mich ekelt; Wer alle, bis zur höchsten, durchgegangen, Der wird in keine wieder eingehäkelt, Er wird, und ob′s ihn auch noch rückwärts triebe, Doch nicht mehr schnöde an den Staub vermäkelt.

Denn, alles Leben ist gefrorne Liebe, Vereister Gotteshauch, in tausend Flocken Erstickt, und Zacken, drin er starren bliebe, Wenn nicht, obgleich die Wechselkräfte stocken, Im Tiefsten ihn ein dunkler Drang erregte Ihn fort und immer weiter fort zu locken Bis er den Kreis, indem er sich bewegte, Den weitern Ring stets um den engern tauschend, Zurück bis auf der Ringe letzten legte, Und nun, hinaus ins Unbegrenzte lauschend, Dem Odemzug, durch den sich Gott die Wesen Einst wieder mischt, in Ahnung sich berauschend, Entgegen harrt, mit Guten und mit Bösen, Die sich auf Erden darin unterschieden: Daß jene, groß und klar, sich als erlesen Von Gott erkennend, ihm sich schon darnieden Entgegen drängten aus der toten Zacke, Wenn diese, dumpf und klein, zu ew′gem Frieden Sich gern verschlossen hätten in die Schlacke, Damit er, den sie nur mit Schaudern ahnten, Sie nicht, vorüber wandelnd, plötzlich packe! O daß sich, die noch lebten, hieran mahnten, Und so, durch eigne Kraft heraus sich schälend, Den Weg zur Welt- und Selbsterlösung bahnten! Denn, auf den Letzten, wie den Ersten zählend, Kann Gott das Liebeswerk erst dann vollbringen, Wenn dieser auch, sich mühsam aufwärts quälend, Gekräftigt ist, mit uns emporzudringen. Solange aber müssen wir′s entbehren, Und ob Äonen noch darob vergingen. Auch wird uns erst der Übergang erklären, Wozu im Ewig-Einen dies Zersplittern; Ob einzig, um das Böse zu verzehren, Das, wenn es sich in tausend Ungewittern Entlud, vor seiner eignen Ohnmacht endlich Erschrecken wird und still in sich zerzittern; Ob mit, weil Gott, sich selber unverständlich, Wie unser Geist in Worte, in Figuren Zerfließen mußte, um sich dadurch kenntlich Zu werden, und aus allen Signaturen Die eigene zusammen sich zu stellen, So daß die Welt, trotz ihrer finstern Spuren, Ihm Fackel war, sein Innres aufzuhellen, Und daß nicht unsre Schuld, nur sein Bedürfen Den Gegensatz, dem Trotz und Haß entquellen, Hervorrief, der nach mystischen Entwürfen Uns, die wir leiden, quält, als ob wir täten, Um so, indem wir all sein Bittres schlürfen, In uns ihn, bis zur Wurzel, auszujäten Und das Geheimnis erst zu offenbaren, Wenn wir zurück in ihn, den Urgrund, treten Und wieder werden, was wir einst schon waren, Den Tropfen gleich, die, in sich abgeschlossen, Doch in der Welle rollen, in der klaren, So rund für sich, als ganz mit ihr verflossen.

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Interpretation

Das Gedicht "Das abgeschiedne Kind an seine Mutter" von Friedrich Hebbel ist ein tiefgründiges und emotionales Werk, das sich mit den Themen Leben, Tod und dem Jenseits auseinandersetzt. Das Kind, das verstorben ist, spricht aus dem Jenseits zu seiner trauernden Mutter und versucht, ihr den Schmerz zu nehmen und ihr die Schönheit des Lebens und die Unvermeidlichkeit des Todes zu erklären. Das Kind beschreibt, wie es im Jenseits angekommen ist und wie es sich von seiner Mutter entfernt hat. Es versucht, ihr zu vermitteln, dass es nicht mehr in der physischen Welt existiert, sondern in einer höheren Sphäre. Es spricht von der Liebe, die es für seine Mutter empfindet, und davon, wie es versucht, ihr die Schönheit des Lebens und die Unvermeidlichkeit des Todes zu erklären. Das Kind ermutigt seine Mutter, nicht mehr zu trauern und sich auf die positiven Aspekte des Lebens zu konzentrieren. Das Gedicht endet mit einer tiefgründigen Reflexion über die Natur des Lebens und des Todes. Das Kind spricht von der Liebe als dem Kern allen Lebens und davon, wie das Böse letztendlich überwunden werden wird. Es ermutigt seine Mutter, sich auf die positiven Aspekte des Lebens zu konzentrieren und sich auf die höheren Sphären des Seins zu konzentrieren. Das Gedicht ist ein bewegendes und tiefgründiges Werk, das die Leser dazu anregt, über die Natur des Lebens und des Todes nachzudenken und die Schönheit des Lebens zu schätzen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Hyperbel
Die tausend Sonnen blenden
Metapher
So rund für sich, als ganz mit ihr verflossen
Personifikation
Die Erde noch heraus, die dämmernd-kleine