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Daran kranket die Zeit

Von

Daran kranket die Zeit, daß sie stets mit kleinlichen Mitteln
Spielt und versucht und dabei Großes zu schaffen vermeint.
Niemand wagt den geradesten Weg; man fügt sich dem Weltlauf,
Da sich der Weltlauf doch stets dem Gewaltigen fügt.
Freilich beschränkterer Sinn bebt scheu vor stürmischer Meerfahrt,
Weil er im Wetter sich nicht kräftig zu steuern getraut;
Aber dem Genius schenkte der Gott zur Schwester die Kühnheit,
Und durch Klippen und Sturm führt er zum Hafen das Schiff.
Nicht in den Abgrund späht er mit Angst; er erhebt zu den Sternen
Mutig das Haupt. Noch nie haben die Sterne getäuscht.

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Gedicht: Daran kranket die Zeit von Emanuel Geibel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Daran kranket die Zeit“ von Emanuel Geibel ist eine kritische Betrachtung des Zeitgeistes und des Verhaltens der Menschen in einer bestimmten Epoche. Der Autor beklagt die Kleinlichkeit und den Mangel an Großzügigkeit und Mut, die seiner Meinung nach die Gesellschaft kennzeichnen. Das Gedicht ist eine Mahnung zur Größe und Kühnheit, eine Aufforderung, den geradesten Weg zu gehen und sich nicht von den Zwängen und Ängsten der Zeit einschränken zu lassen.

Geibels Kritik richtet sich gegen die Tendenz, mit „kleinlichen Mitteln“ nach „Großem“ zu streben. Er bemängelt den Mangel an Wagemut und die Anpassung an den „Weltlauf“, also die vorherrschenden gesellschaftlichen Strömungen. Die Metapher des „Weltlaufs“, der sich dem „Gewaltigen“ fügt, deutet auf die Macht der Obrigkeit und der Konventionen hin, der sich die Menschen unterwerfen. Dies führt zu einer Lähmung des Geistes und verhindert die Entfaltung wahrer Größe. Der Autor wünscht sich eine Abkehr von dieser Kleinlichkeit und eine Rückbesinnung auf die Tugenden der Größe und Kühnheit.

In den folgenden Versen entwirft Geibel ein Gegenbild zu der kritisierten Mentalität. Der „beschränktere Sinn“ wird dem Genie gegenübergestellt, das die Fähigkeit besitzt, sich von den Ängsten und Zweifeln zu befreien. Die Metapher der „stürmischen Meerfahrt“ verdeutlicht die Notwendigkeit, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen, ohne vor den Widrigkeiten zurückzuschrecken. Die „Kühnheit“ wird als Schwester des Genius bezeichnet, was die enge Verbindung zwischen Kreativität, Mut und dem Willen zur Veränderung unterstreicht. Das Genie wagt es, durch „Klippen und Sturm“ zu navigieren, und wird schließlich zum „Hafen“ gelangen, also sein Ziel erreichen.

Die letzten beiden Verse richten den Blick auf die höheren Ideale. Der Mensch soll nicht in den „Abgrund spähen“ (also sich von Angst und Pessimismus beherrschen lassen), sondern seinen Blick zu den „Sternen“ erheben. Diese stehen symbolisch für die Ideale, die Wahrheit und die überzeitlichen Werte, die dem Menschen Orientierung und Halt geben. Die Aussage, dass die „Sterne“ noch nie getäuscht haben, unterstreicht die Zuverlässigkeit und Wahrhaftigkeit dieser Ideale. Das Gedicht ist somit eine Mahnung, sich von den Zwängen der Zeit zu befreien, nach Größe zu streben und sich von den höheren Werten leiten zu lassen.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.