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Daphnis

Von

An einem Hügel voller Linden
Saß Amarill, und war bemüht,
Aus Blumen einen Kranz zu winden,
Und sang ein angenehmes Lied.
Sie, die so manches Herz gerühret,
Sie, vieler Seufzer einz′ges Ziel,
Ward hier vom Daphnis ausgespüret,
Der ihr vor allen wohlgefiel.

Wie manches kam ihm jetzt zu statten!
Die Lockung stiller Abendzeit,
Ein sichrer und verschwiegner Schatten,
Der Mai, ein Freund der Zärtlichkeit,
Ihr Mund und Auge reich an Freuden,
Ihr ihm schon oft verrathner Sinn;
Allein, der Schäfer war bescheiden,
Und ging nicht bis zur Schäferin.

Sie hatte das Geräusch vernommen,
Und ihren Hirten bald entdeckt.
Sie lacht′, und hieß ihn näher kommen,
Und sprach: Was hast du dich versteckt?
Hältst du aus Schalkheit dich verborgen?
Muß ich vor dir von hinnen fliehn?
Du schweigest? Ich will nichts besorgen;
Dich macht die Liebe nicht zu kühn.

Du lernst die Furcht von deinen Schafen:
Doch hast du hier zu ruhen Lust,
So darfst du unbekümmert schlafen
In meinem Arm, an dieser Brust.
Es wird dir Morpheus Träume senden,
Die Scherz und Jugend fröhlich macht.
Ich aber will den Kranz vollenden,
Denn der war dir schon zugedacht.

Er dankt, gehorcht, und legt sich nieder,
Ihn streichelt ihre sanfte Hand:
Er streckt sich aus, und danket wieder:
Der Hirtenstab fällt in den Sand.
Nachdem er sich an sie gelehnet,
Und, sonder Ungemach und Pein,
Dreimal geseufzt, dreimal gegähnet,
Schläft Daphnis endlich schnarchend ein.

Sie rafft sich auf, um wegzugehen,
Nur sagt sie dieses noch zuletzt:
Die Zucht, die ich an dir gesehen,
Wird billig von mir hochgeschätzt.
Man muß der Tugend Lob ertheilen:
Wer schläft so schön, so ehrfurchtvoll?
Ich muß zu meinen Heerden eilen;
Sittsamer Schäfer, schlafe wohl!

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Gedicht: Daphnis von Friedrich von Hagedorn

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Daphnis“ von Friedrich von Hagedorn präsentiert eine humorvolle und pointierte Auseinandersetzung mit dem Thema der Liebe und der Tugendhaftigkeit. Die Geschichte eines Schäfers namens Daphnis, der von der schönen Amarill entdeckt wird, dient als Rahmen, um die Spielarten der menschlichen Natur und die subtilen Paradoxe der romantischen Anziehung zu beleuchten. Hagedorn nutzt hier eine idyllische Schäferidylle als Bühne, um eine subtile Kritik an den Konventionen und der Heuchelei der Zeit zu üben, während er gleichzeitig die Komik der Situation hervorhebt.

In der ersten Strophe wird die Szene etabliert: Amarill, umgeben von Linden und fleißig einen Blumenkranz windend, singt ein Lied, das offenbar die Herzen anderer berührt. Daphnis, der sie aus der Ferne beobachtet, fühlt sich von ihr angezogen. Die zweite Strophe beschreibt die günstigen Umstände, die Daphnis‘ Annäherung begünstigen, darunter die ruhige Abendstimmung und die erotische Verheißung durch Amarills Schönheit. Doch Daphnis verhält sich scheinbar zurückhaltend, was die Spannung zwischen seinen Gefühlen und seinem Verhalten aufbaut. Er wird durch die Gelegenheit des Alleinseins und die Verheißung, die von Amarill ausgeht, in Versuchung geführt, aber entscheidet sich letztendlich, seinen Impulsen nicht nachzugeben.

Die darauffolgenden Strophen intensivieren das Spiel von Verführung und Zurückhaltung. Amarill bemerkt Daphnis und fordert ihn auf, aus seinem Versteck herauszukommen, wobei sie seine vermeintliche Scheu ironisch hinterfragt. Sie lädt ihn ein, sich in ihrem Arm auszuruhen, während sie ihren Blumenkranz vollendet. Hier erreicht die Geschichte ihren Höhepunkt, da Daphnis, anstatt Amarills Einladung zur körperlichen Nähe zu folgen, einschläft. Die Ironie erreicht ihren Höhepunkt, als Amarill Daphnis‘ „Zucht“ und „Ehrfurcht“ lobt, bevor sie ihn schlafend zurücklässt, um zu ihren Herden zurückzukehren.

Hagedorn nutzt die Sprache, um die Komik der Situation zu unterstreichen. Die beschreibenden Passagen sind von einer gewissen Distanziertheit geprägt, die den humorvollen Kontrast zwischen den scheinbar romantischen Umständen und Daphnis‘ Verhalten unterstreicht. Die bildhafte Sprache, die die idyllische Szenerie beschreibt, steht im Kontrast zu den subtilen Andeutungen von Erotik und dem unerwarteten Ausgang. Die Verwendung von Dialog und die Direktheit von Amarills Worten tragen zur Lebendigkeit des Gedichts bei und verstärken die humorvolle Pointe am Ende.

Das Gedicht ist eine satirische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Konventionen und dem Widerspruch zwischen Schein und Sein. Es stellt die Frage nach der Aufrichtigkeit menschlicher Gefühle und Handlungen im Kontext der Liebe und der Tugend. Durch die überraschende Wendung am Ende des Gedichts, bei der Daphnis‘ angebliche Tugendhaftigkeit als reines Einschlafen entlarvt wird, entlarvt Hagedorn die Oberflächlichkeit und die Selbsttäuschung, die in der Gesellschaft oft anzutreffen sind, und liefert eine amüsante Kritik an den Erwartungen, die an das Verhalten von Liebenden gestellt werden.

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.