Daphnis

Friedrich von Hagedorn

1724

An einem Hügel voller Linden Saß Amarill, und war bemüht, Aus Blumen einen Kranz zu winden, Und sang ein angenehmes Lied. Sie, die so manches Herz gerühret, Sie, vieler Seufzer einz′ges Ziel, Ward hier vom Daphnis ausgespüret, Der ihr vor allen wohlgefiel.

Wie manches kam ihm jetzt zu statten! Die Lockung stiller Abendzeit, Ein sichrer und verschwiegner Schatten, Der Mai, ein Freund der Zärtlichkeit, Ihr Mund und Auge reich an Freuden, Ihr ihm schon oft verrathner Sinn; Allein, der Schäfer war bescheiden, Und ging nicht bis zur Schäferin.

Sie hatte das Geräusch vernommen, Und ihren Hirten bald entdeckt. Sie lacht′, und hieß ihn näher kommen, Und sprach: Was hast du dich versteckt? Hältst du aus Schalkheit dich verborgen? Muß ich vor dir von hinnen fliehn? Du schweigest? Ich will nichts besorgen; Dich macht die Liebe nicht zu kühn.

Du lernst die Furcht von deinen Schafen: Doch hast du hier zu ruhen Lust, So darfst du unbekümmert schlafen In meinem Arm, an dieser Brust. Es wird dir Morpheus Träume senden, Die Scherz und Jugend fröhlich macht. Ich aber will den Kranz vollenden, Denn der war dir schon zugedacht.

Er dankt, gehorcht, und legt sich nieder, Ihn streichelt ihre sanfte Hand: Er streckt sich aus, und danket wieder: Der Hirtenstab fällt in den Sand. Nachdem er sich an sie gelehnet, Und, sonder Ungemach und Pein, Dreimal geseufzt, dreimal gegähnet, Schläft Daphnis endlich schnarchend ein.

Sie rafft sich auf, um wegzugehen, Nur sagt sie dieses noch zuletzt: Die Zucht, die ich an dir gesehen, Wird billig von mir hochgeschätzt. Man muß der Tugend Lob ertheilen: Wer schläft so schön, so ehrfurchtvoll? Ich muß zu meinen Heerden eilen; Sittsamer Schäfer, schlafe wohl!

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Illustration zu Daphnis

Interpretation

Das Gedicht "Daphnis" von Friedrich von Hagedorn erzählt eine pastorale Liebesgeschichte, die durch Zartheit und Bescheidenheit geprägt ist. Die Handlung spielt in einer idyllischen Naturkulisse, wo die schöne Amarill auf einem Hügel voller Linden sitzt und einen Kranz aus Blumen flechtet, während sie ein angenehmes Lied singt. Daphnis, ein Schäfer, der ihr besonders gefällt, beobachtet sie heimlich. Die Stimmung ist von der Lockung der stillen Abendzeit, einem sicheren Schatten und dem Monat Mai, einem Freund der Zärtlichkeit, durchdrungen. Die Begegnung zwischen Amarill und Daphnis ist von einer subtilen Spannung geprägt. Amarill bemerkt Daphnis und fordert ihn auf, näher zu kommen. Sie neckt ihn wegen seiner Schüchternheit und bietet ihm an, sich in ihrem Arm auszuruhen. Daphnis, der von der Liebe nicht mutig genug ist, folgt ihrer Einladung und legt sich schlafen. Die Szene ist von einer sanften Erotik durchzogen, die jedoch nie übersteigert wird. Das Gedicht endet mit einem überraschenden Twist. Nachdem Daphnis eingeschlafen ist, steht Amarill auf und geht weg. Sie lobt seine Tugend und Bescheidenheit und wünscht ihm einen guten Schlaf. Diese Wendung zeigt, dass Amarill Daphnis' Zurückhaltung schätzt und dass die wahre Liebe in diesem Fall nicht in einer körperlichen Vereinigung, sondern in gegenseitigem Respekt und Achtung besteht. Das Gedicht vermittelt somit eine moralische Botschaft über die Bedeutung von Zucht und Tugend in der Liebe.

Schlüsselwörter

muß kranz manches daphnis schäfer hast will macht

Wortwolke

Wortwolke zu Daphnis

Stilmittel

Alliteration
stiller Abendzeit
Ausruf
Ich will nichts besorgen
Bildsprache
Aus Blumen einen Kranz zu winden
Direkte Ansprache
Was hast du dich versteckt?
Enjambement
Ich will den Kranz vollenden, Denn der war dir schon zugedacht
Hyperbel
Sie, vieler Seufzer einz′ges Ziel
Ironie
Ich will nichts besorgen; Dich macht die Liebe nicht zu kühn
Kontrast
Doch hast du hier zu ruhen Lust, So darfst du unbekümmert schlafen In meinem Arm, an dieser Brust
Metapher
Wie manches kam ihm jetzt zu statten! Die Lockung stiller Abendzeit, Ein sichrer und verschwiegner Schatten, Der Mai, ein Freund der Zärtlichkeit
Parallelismus
Dreimal geseufzt, dreimal gegähnet
Personifikation
Der Mai, ein Freund der Zärtlichkeit
Reimschema
Das Gedicht folgt einem regelmäßigen Reimschema, das die Harmonie und den Fluss der Erzählung verstärkt
Sprachliche Verfeinerung
Sittsamer Schäfer, schlafe wohl!
Symbolik
Morpheus Träume senden