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Dante

Von

1.

Alle beten dich an, und keiner versteht dich, die Frage
Ist es nun einzig, was sie thäten, verstünden sie dich.

2.

Sage mir redlich, mein Freund, wie gefällt dir Dante′s Comedia? –
»Ei, ich bin orthodox, halt′ an der Mode mich fest.« –
Aber wie so? »Nun ja, das Centrum aller Romantik
Ist es nach Schlegel, und ich lese die Dichter nach ihm.«

3.

Hier gilt nur das Commando, man stößt in die stolze Trompete,
Und als gemeiner Mann folg′ ich den andern getrost.

4.

Bücher verderben die Deutschen, Journal, Kritik und die Zeitung
Trommeln so wüthend, daß man′s eigene Wort nicht mehr hört.

5.

Der ruft: das größte Genie ist Shakespeare, jener Cervantes,
Calderon dieser, und der: Alighieri nur ist′s!
Alle schreien, ich schreie mit ihnen, und schwinge die Mütze,
Shakespeare, Cervantes und Don Calderon, Dante Genie!

6.

Reinen Geschmack such′ ich, und lautre gediegene Schönheit,
Doch ein scholastisch Gewand steht dem Apollo nicht an.

7.

Staun′ ihn an, wie den mächtigen Dom, vor dem er gedichtet,
Das ist ein riesig Gebäu, ist ein erhabenes Werk,
Düster wehet′s aus ihm; der Geist der Vergangenheit wandelt
Zürnend darin und erweckt dir die Geschichte vom Grab.
Dich erschüttert die Größe, das Heilige, das in gewalt′gen
Liedern am Altar ertönt, füllt dir mit Schauern das Herz.
Aber bist du ein Freund vollendeter griechischer Schöpfung,
Suchst du im Riesigen nicht, nur in der Schönheit die Kunst.
Aber bist du ein Feind des alten katholischen Ritus,
Stößest du tausendmal an Ceremonien dich an.

8.

Bist du gewohnt, mit Homer durch Himmel und Erde zu wandern,
Suchst du die Klarheit und gern sicheren Boden und Tritt,
So erscheint dir der Geist Alighieri′s, fantastische Wolken
Tragen im düsteren Sturm dich ins Unendliche hin.
Statt den heitern Gebilden, den menschlichen, die du verstehest,
Zaubert vom Abgrund er dir wesenlos furchtbares auf.
Ungeheures umgiebt dich; du fassest es nicht, die Scholastik
Füllet mit dunkeln Ideen Himmel und Hölle dir aus.
Endlich kommt noch die Theologie, der gefräßige Veltro,
Und für die Poesie bringt sie das jüngste Gericht.

9.

Willst du Philosophie, so suche sie in der Geschichte,
Liebst du die Theologie, halt′ an dem Glauben dich fest,
Möchtest du reine poetische Form, so find′ im Homer sie,
Sophokles zeigt sich, es zeigt selbst sich Anakreon dir.
Wärest du sentimental nach deutscher Mode, so giebt dir
Dante nicht viel für dein Herz, aber für deinen Verstand.

10.

Senkt er sich aber zur Erde voll Zorn und göttlichem Unmuth,
Straft er das Laster, und blickt er sein Italien an,
Ist er nur Florentiner, und geißelt er seine Geschichte,
Dann verehr′ ihn, er spricht wie ein gewalt′ger Prophet.

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Gedicht: Dante von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Dante“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine pointierte Kritik an der Rezeption des italienischen Dichters Dante Alighieri im deutschsprachigen Raum. Es offenbart eine Kluft zwischen oberflächlichem Kult und echtem Verständnis, zwischen dogmatischer Verehrung und eigenständiger Auseinandersetzung mit Dantes Werk. Waiblinger seziert die Modeerscheinung, Dante zu preisen, ohne ihn tatsächlich zu verstehen oder aus echtem Interesse heraus zu lesen.

Die ersten Strophen (1-5) zeichnen ein Bild der weitverbreiteten, aber leeren Bewunderung. Die Menschen „beten Dante an,“ aber „keiner versteht dich.“ Der Bezug auf Schlegel als Autorität und die stereotype Meinungsäußerung „Ich bin orthodox, halt‘ an der Mode mich fest“ zeigen, wie Rezipienten sich unkritisch den gängigen Meinungen anschließen. Waiblinger prangert das Nachplappern von Kritiken und die blinde Gefolgschaft an, die dazu führen, dass individuelle Urteile durch Gruppenzwang und modegetriebene Haltungen ersetzt werden. Die letzten Zeilen der Strophe 5, in der der Sprecher mit „schreit“ und „schwingt die Mütze“, um mit den anderen zu konformieren, verdeutlichen dies.

Die nachfolgenden Strophen (6-9) beleuchten Dantes Werk aus verschiedenen Perspektiven, um die Schwierigkeiten seiner Rezeption hervorzuheben. Waiblinger stellt die Erwartungen an Kunst und Poesie dar, die auf den Vorlieben des Publikums basieren. Er kontrastiert Dantes Werk mit den klassischen Idealen der griechischen Kunst und stellt fest, dass Dantes dunkle, scholastische und theologische Elemente für den Anhänger reiner Schönheit und Klarheit schwer zugänglich sind. Die Erwähnung von Homer, Sophokles und Anakreon dient als Gegenentwurf, der die Vorliebe des Autors für klassische Ideale und die Unvereinbarkeit mit Dantes komplexer, mittelalterlicher Welt verdeutlicht.

Die abschließende Strophe (10) offenbart jedoch eine differenziertere Sichtweise. Hier erkennt Waiblinger die Stärke und den Wert Dantes als politischem und moralischem Kritiker. Nur wenn Dante seinen Zorn entfaltet und seine Heimat Italien anprangert, findet Waiblinger eine wahre Berechtigung für die Verehrung des Dichters. Der Dichter wird dann „wie ein gewalt’ger Prophet“ verehrt, was die politische und moralische Dimension von Dantes Werk hervorhebt. Das Gedicht endet also mit einer ambivalente Bewertung, die das oberflächliche Lob kritisiert, aber die politische Bedeutung und moralische Stärke von Dante anerkennt.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.