Dante
1804Alle beten dich an, und keiner versteht dich, die Frage Ist es nun einzig, was sie thäten, verstünden sie dich.
Sage mir redlich, mein Freund, wie gefällt dir Dante′s Comedia? - »Ei, ich bin orthodox, halt′ an der Mode mich fest.« - Aber wie so? »Nun ja, das Centrum aller Romantik Ist es nach Schlegel, und ich lese die Dichter nach ihm.«
Hier gilt nur das Commando, man stößt in die stolze Trompete, Und als gemeiner Mann folg′ ich den andern getrost.
Bücher verderben die Deutschen, Journal, Kritik und die Zeitung Trommeln so wüthend, daß man′s eigene Wort nicht mehr hört.
Der ruft: das größte Genie ist Shakespeare, jener Cervantes, Calderon dieser, und der: Alighieri nur ist′s! Alle schreien, ich schreie mit ihnen, und schwinge die Mütze, Shakespeare, Cervantes und Don Calderon, Dante Genie!
Reinen Geschmack such′ ich, und lautre gediegene Schönheit, Doch ein scholastisch Gewand steht dem Apollo nicht an.
Staun′ ihn an, wie den mächtigen Dom, vor dem er gedichtet, Das ist ein riesig Gebäu, ist ein erhabenes Werk, Düster wehet′s aus ihm; der Geist der Vergangenheit wandelt Zürnend darin und erweckt dir die Geschichte vom Grab. Dich erschüttert die Größe, das Heilige, das in gewalt′gen Liedern am Altar ertönt, füllt dir mit Schauern das Herz. Aber bist du ein Freund vollendeter griechischer Schöpfung, Suchst du im Riesigen nicht, nur in der Schönheit die Kunst. Aber bist du ein Feind des alten katholischen Ritus, Stößest du tausendmal an Ceremonien dich an.
Bist du gewohnt, mit Homer durch Himmel und Erde zu wandern, Suchst du die Klarheit und gern sicheren Boden und Tritt, So erscheint dir der Geist Alighieri′s, fantastische Wolken Tragen im düsteren Sturm dich ins Unendliche hin. Statt den heitern Gebilden, den menschlichen, die du verstehest, Zaubert vom Abgrund er dir wesenlos furchtbares auf. Ungeheures umgiebt dich; du fassest es nicht, die Scholastik Füllet mit dunkeln Ideen Himmel und Hölle dir aus. Endlich kommt noch die Theologie, der gefräßige Veltro, Und für die Poesie bringt sie das jüngste Gericht.
Willst du Philosophie, so suche sie in der Geschichte, Liebst du die Theologie, halt′ an dem Glauben dich fest, Möchtest du reine poetische Form, so find′ im Homer sie, Sophokles zeigt sich, es zeigt selbst sich Anakreon dir. Wärest du sentimental nach deutscher Mode, so giebt dir Dante nicht viel für dein Herz, aber für deinen Verstand.
Senkt er sich aber zur Erde voll Zorn und göttlichem Unmuth, Straft er das Laster, und blickt er sein Italien an, Ist er nur Florentiner, und geißelt er seine Geschichte, Dann verehr′ ihn, er spricht wie ein gewalt′ger Prophet.
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Interpretation
Das Gedicht "Dante" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Dichter Dante Alighieri und seinem Werk. Waiblinger hinterfragt die Verehrung Dantes durch seine Zeitgenossen und stellt die Frage, ob diese Bewunderung wirklich auf einem tiefen Verständnis seiner Werke beruht. Das Gedicht beginnt mit der Feststellung, dass Dante von vielen verehrt wird, ohne dass sie ihn wirklich verstehen. Waiblinger kritisiert die orthodoxen und modischen Lesarten Dantes, die sich an Schlegel orientieren und die Romantik als Zentrum aller Literatur sehen. Er wirft den Lesern vor, sich blind an die herrschende Meinung zu halten und sich nicht selbst ein Urteil zu bilden. Waiblinger vergleicht Dantes Werk mit einem mächtigen Dom, der beeindruckend, aber auch düster und verwirrend ist. Er stellt die Frage, ob die Größe und das Heilige in Dantes Werken wirklich von Schönheit und Klarheit zeugen oder ob sie eher von der Vergangenheit und dem Katholizismus geprägt sind. Er kritisiert die Scholastik und die Theologie, die Dantes Werk beeinflusst haben und es für den modernen Leser schwer verständlich machen. Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass Dante nur dann wirklich bewundernswert ist, wenn er sich auf die Erde und seine eigene Geschichte bezieht. Waiblinger lobt Dantes Zorn und seinen göttlichen Unmut, wenn er das Laster bestraft und seine Heimat Italien kritisiert. In diesem Fall spricht Dante wie ein gewaltiger Prophet und verdient die Verehrung seiner Leser.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- fantastische Wolken
- Hyperbel
- ein riesig Gebäu
- Metapher
- ein gewalt'ger Prophet
- Personifikation
- Der Geist der Vergangenheit wandelt