Danklied
1789Daß unser Gott uns Leben gab, Des wollen wir uns freuen, Und von der Wiege bis ans Grab Ihm unsern Dank erneuen: Denn auch zur Freude gab uns Gott Auf dieser Welt das Leben, Und hat verheißen, nach dem Tod Der Wonne mehr zu geben.
Wie fromme Kinder können wir In froher Einfalt leben; Drum hat der Vater schon allhier Ein Eden uns gegeben. Die Frühlingswärme haucht sein Mund, Und Kühlung wehn die Wogen; Am Himmel zeugt von seinem Bund Der schöne Regenbogen.
Und Auen, Felder, Berg und Wald Verkünden seine Gnade, Und seines Namens Größe schallt Am hallenden Gestade. Ihn singt die kleine Nachtigall. O laßt mit ihr uns singen! Laßt mit der frohen Lerche Schall Auch unser Lied erklingen!
Die Felder waren hart und weiß, Der Erde Schoß verschlossen. Gott sah herab; es schmolz das Eis; Seht, unsre Ähren sprossen. Vom Bienenstocke trieft der Seim, Das Lamm hüpft auf der Weide, Und an der Rebe schwillt im Keim Des guten Bechers Freude.
Von heitrer Stirne fließt der Schweiß Auf unser Feld und Garten, Wenn wir mit unverdroßnem Fleiß Des Jahres Füll′ erwarten, Nicht ängstlich unsern Samen streun, Sein Korn dem Vogel gönnen, Uns auch des Nachbars Ernte freun, Und wohlthun, wo wir können.
Aus freier Gnade hieß der Herr So schön die Erde werden. Bedarf zu seinem Wohlsein Er Der Früchte dieser Erden? Drum wollen wir auch geben gern, Wie wir von Ihm genommen, Und ähnlich werden unserm Herrn, Und wie Er vollkommen.
Wer kärglich sich der Frücht′ allein, Nicht auch der Blumen freuet, Vergißt, daß Gottes Sonnenschein Die Blumen auch erneuet. Die blaue Blum′ im Erntekranz Hat Gottes Hand gesäet; Und Ihm gefällt des Schnitters Tanz, Wenn freudig er gemähet.
Es ward die Freundschaft uns vom Herrn Ins warme Herz gegeben: Der wahre Freund vergißt sich gern, Um seinem Freund zu leben. Gott segnet keuscher Ehe Zucht Mit wahrer Liebe Süße: Die Mutter liebt des Schmerzens Frucht, Belohnt durch seine Küsse.
Mit Wohlgefallen sieht der Herr Wie Blumen, Kinder blühen; Mit Wohlgefallen sieht auch Er Des Mannes Stirne glühen, Wenn in den Kern der Wissenschaft Gestärkt sein Auge dringet, Und wenn mit angeborner Kraft Des Dichters Geist sich schwinget.
Wie Eltern ihrem zarten Sohn Die Frühlingsblumen weisen, So zeigt uns Gott auf Erden schon, Wie seine Sterne kreisen. Wir schaun die Wunder seiner Hand Aus unsern tiefen Fernen, Und wissen, unser Vaterland Sei über jenen Sternen.
Auf unserm Leben schwimmt wie Schaum Ein wenig Müh und Kummer; Das Leben ist ein Morgentraum, Der Tod ein kurzer Schlummer. Wir sinken freudig in den Staub, Der unsre Väter decket, Und gönnen Würmern ihren Raub, Weil Gott uns auferwecket.
Es töne zu der Saite Klang, So lange wir hier wallen, Sein Lobgesang; und Lobgesang Soll schon das Kindlein lallen! Und wenn′s nach Seinem Namen fragt, So drückt mit beiden Armen Das Kindlein fest ans Herz und sagt: Sein Name heißt Erbarmen!
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Interpretation
Das Gedicht "Danklied" von Friedrich Leopold Graf zu Stolberg ist ein Lobgesang auf das Leben und die Schöpfung Gottes. Es drückt Dankbarkeit für das geschenkte Leben aus und betont die Schönheit und Fülle der Natur als Zeichen göttlicher Gnade. Der Dichter ruft dazu auf, das Leben in kindlicher Freude zu genießen und Gott für seine Gaben zu preisen. Das Gedicht beschreibt die verschiedenen Aspekte des Lebens als Geschenke Gottes, von der Fruchtbarkeit der Felder bis zur Freundschaft und Liebe zwischen Menschen. Es ermutigt dazu, großzügig zu sein und anderen zu helfen, wie es Gott selbst ist. Der Dichter betont auch die Bedeutung von Bildung und Kunst als Ausdruck menschlicher Kreativität, die von Gott inspiriert ist. Abschließend reflektiert das Gedicht über die Vergänglichkeit des Lebens und den Trost des Glaubens an die Auferstehung. Es ruft dazu auf, das Leben in Dankbarkeit zu bejahen und Gott bis zum Tod zu preisen, auch im Angesicht des Todes. Der Dichter betont die Barmherzigkeit Gottes als seinen wesentlichen Charakterzug und lädt dazu ein, diese Barmherzigkeit in der eigenen Haltung zu spiegeln.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Metapher
- Sein Name heißt Erbarmen
- Personifikation
- Daß unser Gott uns Leben gab