Damenpoesie nach dem tollen Jahr

Ludwig Eichrodt

1869

Wo ist das Land, da noch Gesetze blühn, Wo Tugenden Millionen Herzen glüh′n, Ein Vaterauge sanft auf Alles blickt, Und der Verführung einmal gar Nichts glückt?

Wo ist das Schloß voll wunderschöner Prinzen, Da nicht Verräthermienen teuflisch grinzen, Wo nur die Treue wandelt aus und ein, Und stumme Ehrfurcht ist kein leerer Schein?

Wo ist der Staat, da Sinn für Ordnung ist, Zu Würden nur gelangt der wahre Christ, Zufriedenheit bei Unterthanen wohnt, Und sich Verdienst in milder Gnade sonnt?

Wo Jeder mit den Seinen sich begnügt, Und höhern Wünschen man sich gerne fügt, Wo Neid und Habsucht, Scheelgier und Verrath Nicht überwuchern darf des Guten Saat?

Wo man allein noch Ritterlichkeit trifft, Wo nimmer wirkt das Demokratengift, Wo nicht die Faulheit auf der Bierbank thront, Und Pflichterfüllung durch sich selbst belohnt?

Wo stille Demuth annoch findet Statt, Und noch der Adel was zu sagen hat, Wo Herr und Knecht kein leerer Name ist, Kurz, wo Religion und Christenthum noch ist!?

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Illustration zu Damenpoesie nach dem tollen Jahr

Interpretation

Das Gedicht "Damenpoesie nach dem tollen Jahr" von Ludwig Eichrodt ist eine kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen und politischen Zuständen seiner Zeit. Der Autor beschreibt eine idealisierte Welt, in der Tugenden und Gesetze herrschen, und stellt diese dem gegenwärtigen Zustand gegenüber, der von Verrat, Neid und Habsucht geprägt ist. Durch die wiederholte Frage "Wo ist..." wird die Sehnsucht nach einer besseren, gerechteren Gesellschaft deutlich. Eichrodt kritisiert den Verlust traditioneller Werte wie Treue, Ehrfurcht und Ritterlichkeit, die seiner Meinung nach durch moderne Einflüsse wie Demokratie und Faulheit ersetzt wurden. Das Gedicht spiegelt die konservativen Ansichten des Autors wider, der eine hierarchische Gesellschaftsordnung befürwortet, in der Adel und Christentum eine zentrale Rolle spielen. Die Betonung von "Herr und Knecht" als nicht leerem Namen unterstreicht die Akzeptanz sozialer Ungleichheit. Insgesamt ist das Gedicht ein Ausdruck der Unzufriedenheit mit den Veränderungen der Zeit und ein Plädoyer für die Rückkehr zu vermeintlich besseren, traditionellen Werten. Es zeigt die Spannung zwischen Fortschritt und Konservatismus im 19. Jahrhundert und verdeutlicht die Sehnsucht nach einer stabilen, geordneten Gesellschaft.

Schlüsselwörter

kein leerer land gesetze blühn tugenden millionen herzen

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Stilmittel

Anapher
Wo Jeder mit den Seinen sich begnügt, Und höhern Wünschen man sich gerne fügt, Wo Neid und Habsucht, Scheelgier und Verrath Nicht überwuchern darf des Guten Saat?
Hyperbel
Wo stille Demuth annoch findet Statt, Und noch der Adel was zu sagen hat, Wo Herr und Knecht kein leerer Name ist, Kurz, wo Religion und Christenthum noch ist!?
Kontrast
Wo ist der Staat, da Sinn für Ordnung ist, Zu Würden nur gelangt der wahre Christ, Zufriedenheit bei Unterthanen wohnt, Und sich Verdienst in milder Gnade sonnt?
Parallelismus
Wo ist das Schloß voll wunderschöner Prinzen, Da nicht Verräthermienen teuflisch grinzen, Wo nur die Treue wandelt aus und ein, Und stumme Ehrfurcht ist kein leerer Schein?
Personifikation
Wo man allein noch Ritterlichkeit trifft, Wo nimmer wirkt das Demokratengift, Wo nicht die Faulheit auf der Bierbank thront, Und Pflichterfüllung durch sich selbst belohnt?
Rhetorische Frage
Wo ist das Land, da noch Gesetze blühn, Wo Tugenden Millionen Herzen glüh′n, Ein Vaterauge sanft auf Alles blickt, Und der Verführung einmal gar Nichts glückt?