Dahin
Mit gesenkten Blicken
durch die Menge hin,
durch die fremde dunkle Menge,
eine traumentstiegene Palme,
kam die junge Priesterin.
Mit geschlossenen Wimpern
an den Altar hin,
ruhig an den flammenden Altar,
eine nachtgewiegte Zypresse,
trat die junge Priesterin.
Mit aufstrahlenden Augen
in zwei andre Augen hin,
Augen aus der Fremde,
niegesehene Heimatsaugen,
eine starre Mimose,
stand die junge Priesterin.
Mit hochzuckenden Händen
vor die Flamme hin,
vor die heilige Opferflamme,
eine blitzgetroffene Zeder,
sank die junge Priesterin.
Mit weit offenen Armen
in die Nacht dahin,
wild hin in die fremde Nacht,
eine sturmergriffne Liane,
schwand die junge Priesterin.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Dahin“ von Richard Dehmel ist eine eindringliche Beschreibung des Untergangs und der Hingabe einer jungen Priesterin. Dehmel verwendet eine Reihe von eindrucksvollen Bildern und Metaphern, um die Entwicklung der Protagonistin von einer distanzierten Figur zu einer Person darzustellen, die sich der vollständigen Auflösung in einer unbekannten, aber unwiderstehlichen Macht hingibt. Die Wiederholung von „Mit…hin“ strukturiert das Gedicht und betont die schrittweise Bewegung der Priesterin, die sich einem unbekannten Ziel oder einer tiefen Veränderung zuwendet.
Die ersten drei Strophen etablieren eine Atmosphäre der Distanz und des inneren Konflikts. Die junge Priesterin wird zunächst als „traumentstiegene Palme“ beschrieben, die durch die Menge schreitet. Dieser Vergleich deutet auf eine gewisse Erhabenheit und Fremdheit hin. In der zweiten Strophe nähert sie sich dem Altar, dargestellt als „nachtgewiegte Zypresse“. Die geschlossenen Wimpern und der ruhige Gang lassen auf eine tiefe, aber zurückhaltende Hingabe schließen. Die dritte Strophe markiert einen Wendepunkt, in dem sie durch den Blick in „zwei andre Augen“ eine neue, vielleicht unerwartete Verbindung erfährt. Diese „niegesehenen Heimatsaugen“ wecken ein Gefühl der Sehnsucht und machen sie „wie eine starre Mimose“.
Die letzte Strophe führt zur Auflösung. Die „hochzuckenden Händen“ und das „Sinken“ vor der Flamme symbolisieren die völlige Aufgabe und die Hingabe an eine höhere Macht oder vielleicht eine tiefere Leidenschaft. Die Priesterin wird hier als „blitzgetroffene Zeder“ dargestellt, was auf Zerstörung und gleichzeitige Erhebung hinweist. Schließlich öffnet sie ihre Arme in die Nacht, was durch die Metapher der „sturmergriffnen Liane“ eine Bewegung der Freiheit, aber auch der Verlorenheit und des Verlusts darstellt.
Dehmels Gedicht nutzt eine Vielzahl von symbolischen Bildern, um die inneren und äußeren Veränderungen der Priesterin zu beschreiben. Die wiederholte Verwendung von Metaphern, die auf die Natur verweisen – Palme, Zypresse, Mimose, Zeder, Liane – verleiht dem Gedicht eine tiefe emotionale Intensität und betont die natürliche Kraft, die in dieser Hingabe wirken muss. Die „Flamme“ und die „Nacht“ sind dabei zentrale Elemente, die das Ziel der Hingabe definieren, wobei unklar bleibt, ob es sich um ein religiöses Opfer, eine romantische Liebe oder eine andere Form der Transzendenz handelt. Das Gedicht zeichnet sich durch seine bildhafte Sprache und die gekonnte Verwendung von Metaphern aus, die eine Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten eröffnen.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.