Daheim

Hanns von Gumppenberg

1915

Alle wir, schon eh′ sie uns begraben, Wollen irgend eine Heimstatt haben,

Wo nichts Fremdes kältet oder schwült, Wo man wirklich sich zu Hause fühlt:

Weib und Kind im wohlverschloßnen Häuschen, Oder nur ein loses Miezemäuschen -

Eine Mutter, die uns ausgeharrt Als Asyl bis in die Gegenwart -

Einen Stammtisch, guter Freundschaft froh, Oder das geheiligte Bureau -

Ein Katheder vor der frischen Jugend, Eine Kanzel, wo man wirkt für Tugend,

Eine Bühne, drauf man Künstler war Erst im braunen, dann im grauen Haar,

Eine Loge, drin man oft gesessen Und im bunten Wahn sich selbst vergessen,

Uniform, in die man oft geschlüpft, Walzerklang, nach dem man oft gehüpft,

Eine Ecke im vertrauten Keller, Wo man immer trank den Muskateller,

Lieblingswinkel in dem Hofbräuhaus - Ach, wer schöpft die Möglichkeiten aus?

Aber mancher, aus der Art geschlagen, Hat bei alledem kein Heimbehagen:

Mancher kann nur dann zu Hause sein, Wenn er mit sich selber ganz allein,

Wenn er seiner Seele Vollklang hört, Weltverschont und menschenungestört.

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Illustration zu Daheim

Interpretation

Das Gedicht "Daheim" von Hanns von Gumppenberg erkundet die Sehnsucht des Menschen nach einem Ort der Geborgenheit und Zugehörigkeit. Es beginnt mit der universellen Idee, dass jeder Mensch eine Heimat sucht, einen Ort, an dem er sich wohl und akzeptiert fühlt. Die Vielfalt der möglichen Heimstätten wird breit aufgezeigt, von der Familie über den Beruf bis hin zu sozialen Zusammenkünften und kulturellen Institutionen. Der zweite Teil des Gedichts weitet den Blick auf die verschiedenen Formen von Heimat. Es werden sowohl traditionelle als auch unkonventionelle Orte der Zuflucht beschrieben, von der Familie über den Arbeitsplatz bis hin zu künstlerischen und gesellschaftlichen Aktivitäten. Die Aufzählung reicht von der intimen häuslichen Sphäre bis zu öffentlichen Orten wie dem Hofbräuhaus, was die Vielschichtigkeit menschlicher Bedürfnisse nach Zugehörigkeit verdeutlicht. Abschließend wird eine Ausnahme formuliert: Nicht jeder Mensch findet seine Heimat in äußeren Orten oder Beziehungen. Für manche besteht die wahre Heimat in der inneren Einkehr und der Auseinandersetzung mit der eigenen Seele. Dieser letzte Aspekt führt die Betrachtung zu einer philosophischen Ebene und deutet an, dass die Suche nach Heimat letztlich auch eine Suche nach dem eigenen Selbst sein kann.

Schlüsselwörter

oft hause mancher alle begraben wollen irgend heimstatt

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
braunen, dann im grauen Haar
Anapher
Alle wir, schon eh' sie uns begraben, Wollen irgend eine Heimstatt haben
Aufzählung
Eine Mutter, die uns ausgeharrt Als Asyl bis in die Gegenwart
Gegensatz
Aber mancher, aus der Art geschlagen, Hat bei alledem kein Heimbehagen
Hyperbel
Ach, wer schöpft die Möglichkeiten aus?
Kontrast
Weltverschont und menschenungestört
Metapher
das geheiligte Bureau
Parallelismus
Wenn er mit sich selber ganz allein, Wenn er seiner Seele Vollklang hört
Personifikation
frischer Jugend