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Daheim

Von

Alle wir, schon eh′ sie uns begraben,
Wollen irgend eine Heimstatt haben,

Wo nichts Fremdes kältet oder schwült,
Wo man wirklich sich zu Hause fühlt:

Weib und Kind im wohlverschloßnen Häuschen,
Oder nur ein loses Miezemäuschen –

Eine Mutter, die uns ausgeharrt
Als Asyl bis in die Gegenwart –

Einen Stammtisch, guter Freundschaft froh,
Oder das geheiligte Bureau –

Ein Katheder vor der frischen Jugend,
Eine Kanzel, wo man wirkt für Tugend,

Eine Bühne, drauf man Künstler war
Erst im braunen, dann im grauen Haar,

Eine Loge, drin man oft gesessen
Und im bunten Wahn sich selbst vergessen,

Uniform, in die man oft geschlüpft,
Walzerklang, nach dem man oft gehüpft,

Eine Ecke im vertrauten Keller,
Wo man immer trank den Muskateller,

Lieblingswinkel in dem Hofbräuhaus –
Ach, wer schöpft die Möglichkeiten aus?

Aber mancher, aus der Art geschlagen,
Hat bei alledem kein Heimbehagen:

Mancher kann nur dann zu Hause sein,
Wenn er mit sich selber ganz allein,

Wenn er seiner Seele Vollklang hört,
Weltverschont und menschenungestört.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Daheim von Hanns von Gumppenberg

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Daheim“ von Hanns von Gumppenberg reflektiert auf facettenreiche Weise das menschliche Bedürfnis nach Heimat und Geborgenheit, ein zentrales Motiv in der Lyrik. Es zeichnet eine breite Palette von Orten und Beziehungen auf, die für Menschen als „Heimat“ dienen können, und kontrastiert diese mit der Erfahrung des Einzelnen, der dieses Gefühl möglicherweise in traditionellen Kontexten nicht findet.

Das Gedicht beginnt mit einer universellen Aussage: Jeder Mensch, schon bevor er stirbt, sehnt sich nach einer „Heimstatt“. Die folgenden Verse listen eine Vielzahl von möglichen Heimaten auf: Familie (Frau und Kind), Haustiere, die Mutter, Orte der Geselligkeit (Stammtisch, Büro), berufliche Tätigkeiten (Katheder, Kanzel, Bühne), Orte der Entspannung und des Genusses (Loge, Uniform, Tanz, Weinkeller, Hofbräuhaus). Diese Vielfalt deutet darauf hin, dass „Heimat“ nicht auf einen einzigen Ort oder eine bestimmte Beziehung reduziert werden kann, sondern subjektiv ist und je nach individuellen Bedürfnissen und Lebensumständen variiert.

Die zweite Hälfte des Gedichts wendet sich derjenigen Gruppe zu, die in diesen traditionellen Definitionen von Heimat kein Zuhause findet. „Aber mancher, aus der Art geschlagen“, findet sein Heimweh nicht in den äußeren Formen. Für diese Menschen liegt die wahre Heimat in der inneren Welt, in der Stille und im Alleinsein, im Einklang mit der eigenen Seele. Hier wird ein Gegensatz aufgebaut, der zeigt, dass wahre Geborgenheit nicht immer in sozialen Kontexten gefunden werden muss, sondern auch in der Selbstreflexion und der inneren Einkehr liegen kann.

Der letzte Teil des Gedichts veranschaulicht auf eindringliche Weise, dass Heimat ein subjektives Konstrukt ist. Nicht alle Menschen finden ihre Erfüllung in den gleichen Dingen. Während einige sich nach Familie, Gemeinschaft und vertrauten Orten sehnen, finden andere ihr Zuhause in der Stille, der Kontemplation und der inneren Welt. Gumppenberg schafft damit ein tiefgründiges Gedicht, das die Vielschichtigkeit menschlicher Sehnsüchte widerspiegelt und uns ermutigt, nach unserer ganz persönlichen Definition von „Daheim“ zu suchen.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.