Dämmerung

Mathilde Wesendonck

1862

Wenn die Sonne schlafen gangen Und die goldne Spur verweht, An der Wimper Wolken hangen - Durch die Welt ein Seufzer geht.

Weiter tragen ihn die Lüfte, Weiter rauschet ihn der Wald, Weiter strömen ihn die Düfte, Dass die Schöpfung widerhallt;

Und die Tiere bang sich bergen Und der Vogel sucht sein Nest, Furchtlos vor dem nächt’gen Schergen Eilt die Eule schon zum Fest.

Und der Mensch im Busen fühlet Sich so wunderbar bewegt, Weiß nicht, was im Herzen wühlet, Weiß nicht, was den Seufzer regt.

Dämmerungsschatten niederhangen, Schöpfungsauge geht zu Ruh’, Seines Strahles hehres Prangen Decken schwarze Schleier zu.

Doch, eh’ ganz es von uns scheidet, Weilt es einen Augenblick, Ob den Tag - die nacht es meidet - Sinket müde dann zurück.

Horch! kein Atem weht im Kreise, Keine Wunde blutet mehr, Gute Geister wandeln leise, Balsam streuend, hin und her.

Tiefer senken sich die Schatten, Legen weich sich um die Welt; Rings die Wipfel, rings die Matten Süßer Wahn umfangen hält.

Alle sehen ihn erglänzen, Der der Finsternis erlag, Neu erstehn in Purpurkränzen, Alle träumen sich den Tag.

Legtest du die weiche Binde, Gottheit, um des Menschen Haupt; Dass er nie getäuscht sich finde, wenn er ewig, ewig glaubt?

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Illustration zu Dämmerung

Interpretation

Das Gedicht "Dämmerung" von Mathilde Wesendonck schildert den Übergang vom Tag zur Nacht als einen tiefen, fast mystischen Prozess, der alle Elemente der Natur erfasst. Die Dämmerung wird als Zeit der Ruhe und des Übergangs dargestellt, in der sich die Natur auf die Nacht vorbereitet. Die Stimmung ist geprägt von einem sehnsuchtsvollen und nachdenklichen Ton, der die Schönheit und Vergänglichkeit des Moments betont. Die Natur wird in verschiedenen Phasen dieses Übergangs gezeigt: Die Tiere suchen Schutz, die Vögel kehren in ihre Nester zurück, und die Eule, als Symbol der Nacht, beginnt ihre Aktivität. Diese Beschreibungen unterstreichen den natürlichen Rhythmus des Lebens und die Unausweichlichkeit des Wechsels zwischen Tag und Nacht. Die Dämmerung wird als eine Zeit der Reflexion und der inneren Bewegung des Menschen dargestellt, der sich von unerklärlichen Gefühlen ergriffen fühlt. Im weiteren Verlauf des Gedichts wird die Nacht als eine Zeit der Stille und des Trostes dargestellt. Die "guten Geister" und der "Balsam" symbolisieren eine beruhigende und heilende Präsenz, die in der Dunkelheit Trost spendet. Der letzte Teil des Gedichts reflektiert über den menschlichen Wunsch nach Beständigkeit und die Hoffnung auf eine ewige, ungetrübte Existenz. Mathilde Wesendonck nutzt die Dämmerung als Metapher für die menschliche Existenz, die zwischen Licht und Dunkelheit, Wissen und Unwissenheit oszilliert.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Weiter tragen ihn die Lüfte
Apostrophe
Gottheit, um des Menschen Haupt
Metapher
wenn er ewig, ewig glaubt
Personifikation
Alle träumen sich den Tag