Da sind die Straßen…
1913Da sind die Straßen weit und Licht-durchschrieen, hoch wölkt der Staub und breitet aus den Schein, durch den gehetzt Kolonnen Wagen fliehen in violette Dunkelheit hinein.
Und Menschen, massenhaft und schwarz, durchstürmen die Straßen, vorgebeugt und frongebannt. Und Feierabend läutet von den Türmen der Stadt, verloren, hoch und unerkannt.
Lärm stößt an Lärm. Schmerzhelle Klingeln schellen, zersägend das Gehör. Wagen mit Eisen erschüttern. Die Elektrische mit grellen Schleiftönen nimmt die Kurve in den Gleisen.
Und meiner Nerven Netz, so fein besaitet, drin Perlen hängen aus dem ewigen Meer: es ist als Teppich in den Staub gebreitet, und gräßlich wälzt der Tag sich drüberher.
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Interpretation
Das Gedicht "Da sind die Straßen…" von Ernst Wilhelm Lotz beschreibt eine hektische und überwältigende städtische Szenerie. Die Straßen werden als weit und von Licht durchdrungen dargestellt, wobei sich Staub erhebt und einen diffusen Schein verbreitet. Kolonnen von Fahrzeugen fliehen in eine violette Dunkelheit, was auf eine Art Flucht oder Entkommen aus der Szenerie hindeutet. Die Menschenmassen werden als schwarz und gehetzt beschrieben, die sich durch die Straßen drängen, in einer Haltung der Unterwerfung oder des Flehens. Der Feierabend läutet von den Türmen der Stadt, aber er scheint verloren, hoch und unerkannt zu sein, was auf eine Entfremdung oder Unerreichbarkeit hindeutet. Die Geräuschkulisse ist überwältigend, mit Lärm, der auf Lärm trifft, und schmerzhaften, durchdringenden Klingeltönen. Die Straßenbahn mit ihren grellen Schleiftönen nimmt die Kurve in den Gleisen, was die mechanische und unerbittliche Natur des städtischen Lebens unterstreicht. Im letzten Vers wird das Nervensystem des Sprechers als ein fein besaitetes Netz beschrieben, in dem Perlen aus dem ewigen Meer hängen. Dieses Netz wird wie ein Teppich in den Staub gebreitet, und der Tag wälzt sich gräßlich darüber hinweg. Dies könnte als Metapher für die Überwältigung und Erschöpfung des Individuums durch das hektische städtische Leben interpretiert werden, bei dem die feinen, empfindlichen Aspekte des Seins von der groben, unerbittlichen Realität des Alltags erdrückt werden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Schmerzhelle Schleiftöne
- Bildsprache
- violette Dunkelheit
- Hyperbel
- meiner Nerven Netz, so fein besaitet
- Metapher
- es ist als Teppich in den Staub gebreitet
- Personifikation
- gräßlich wälzt der Tag sich drüberher