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Crispin von Paß

Von

Ein kleiner Eigensinn sei Künstlern gern verziehen!
Ich setze mit Bedacht: ein kleiner Eigensinn;
Denn allen, die sich nicht um Kunst und Witz bemühen,
Dem groben Theil der Welt, geh′ auch der größte hin!
Ein Künstler, welcher sich des Griffels Ruhm erworben,
Der einen Ridinger, und Schmidt, und Preißler ziert,
Entwarf nicht leicht das Bild der Fürsten, die verstorben,
Noch der Gelehrten Bild, eh′ sie der Tod entführt.
Die meisten wußten nicht die Ursach′ anzugeben,
Bis einst, ich weiß nicht wer, sie von ihm selbst erfuhr:
Der Fürsten achtet man nicht länger, als sie leben,
Und der Gelehrte gilt nach seinem Tode nur.

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Gedicht: Crispin von Paß von Friedrich von Hagedorn

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Crispin von Paß“ von Friedrich von Hagedorn ist eine pointierte Satire auf die gesellschaftliche Wertschätzung von Künstlern und Gelehrten. Es beginnt mit einer rhetorischen Einführung, in der der Autor die Eigenheiten von Künstlern als entschuldbar bezeichnet. Dabei betont er die Notwendigkeit eines „kleinen Eigensinn“, um die Welt der Kunst und des Witzes zu verstehen, und grenzt sich so vom „groben Theil der Welt“ ab, dem die wahre Wertschätzung der Kunst entgeht.

Im Zentrum des Gedichts steht der Künstler Crispin von Paß, der durch seine Fähigkeiten und die Anfertigung von Bildnissen Berühmtheit erlangt hat. Bemerkenswert ist, dass von Paß es vermied, die Porträts von Fürsten und Gelehrten zu Lebzeiten anzufertigen. Er wartete stets, bis diese verstorben waren. Der Autor hebt die Fähigkeit des Künstlers hervor, die Welt der Kunst zu bereichern, und führt ihn als Beispiel für einen Künstler an, der die Gesellschaft mit seinen Werken bereicherte.

Die Pointe des Gedichts liegt in der Enthüllung der eigentlichen Motivation von Paß. Er fertigte die Porträts erst nach dem Tod der Dargestellten an, da die Wertschätzung und das Ansehen von Fürsten und Gelehrten in der Gesellschaft erst nach ihrem Ableben wirklich existiert. Diese Erkenntnis, die erst durch eine Information aus erster Hand, „ich weiß nicht wer, sie von ihm selbst erfuhr“, ans Licht kommt, offenbart die Ironie und den Zynismus der gesellschaftlichen Wertvorstellungen. Der Künstler reagiert auf die fehlende Wertschätzung zu Lebzeiten, indem er die Porträts erst nach dem Tod anfertigt, wenn das gesellschaftliche Interesse am größten ist.

Hagedorn verwendet in diesem Gedicht einen einfachen, klaren Sprachstil, der die satirische Wirkung unterstützt. Der Wechsel von der scheinbar wohlwollenden Einführung zur abschließenden Enthüllung des Künstlermotivs erzeugt einen Überraschungseffekt und unterstreicht die Kritik an der mangelnden Wertschätzung von Kunst und Gelehrtheit zu Lebzeiten. Die klare Struktur und die Pointiertheit des Gedichts machen es zu einem wirkungsvollen Beitrag zur Kritik an gesellschaftlichen Gepflogenheiten.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.