Colombo

Adolf Friedrich Graf von Schack

1845

»So ganz verwandelt du, der beim Orkan Sonst tollkühn in die Meerflut stach Und mit dem Kiel, daß wir es zitternd sahn, Die Wogenschäume lachend brach?

Sag an, warum du einsam träumst und sinnst, Dem Freunde sag′s, Christoforo! Die Sorge scheuch, das eitle Hirngespinst! Sei neu mit uns beim Ballspiel froh!«

Umsonst! Wie viel von Fragen auch bestürmt, Der Jüngling bricht das Schweigen nicht: Er brütet, Schriften vor sich aufgetürmt, Vom Morgen bis zum Abendlicht.

Und Monde schwinden; mit dem Freunde da Einst ruht er nachts beim Flutgeroll Am Seegestad der stolzen Genua Und spricht zu ihm geheimnisvoll:

»Vernimm! Im leichten Nachen, fern dem Strand, Warf mich der Nordsturm jüngst umher; Ringsum kein Ufer; nur mit jähem Rand Stieg eine Klippe aus dem Meer.

Dort stand im Nebel, den wie ein Gewand Der Nachtwind auf und nieder blies, Ein Riesenbild von Marmor, dessen Hand, Weit ausgestreckt, nach Westen wies.«

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Illustration zu Colombo

Interpretation

Das Gedicht "Colombo" von Adolf Friedrich Graf von Schack erzählt von der inneren Zerrissenheit und der geheimnisvollen Vision des jungen Christoph Kolumbus. Es beginnt mit der Darstellung eines lebensfrohen und mutigen Seemannes, der einst in stürmischen Meeren seine Kühnheit bewies. Doch nun ist er verändert, in Gedanken versunken und von seinen Freunden besorgt beobachtet. Trotz aller Fragen und Versuche, ihn aufzuheitern, bleibt er stumm und vertieft sich in seine Studien, was auf eine tiefere, möglicherweise weltverändernde Idee hindeutet. Die Handlung verdichtet sich, als Kolumbus eines Nachts am Strand von Genua mit einem Freund zusammentrifft. In einer mystischen Erzählung berichtet er von einer dramatischen Erfahrung auf hoher See, bei der er von einem Nordsturm in einen Nachen getrieben wurde. Umgeben von endloser Wasserfläche, erblickt er eine einsame Klippe, auf der ein riesiges Marmorbild steht. Dieses Bild, in Nebel gehüllt und vom Wind bewegt, weist mit seiner ausgestreckten Hand nach Westen – ein Symbol, das Kolumbus als Zeichen für seine spätere Entdeckungsreise nach Amerika interpretiert. Das Gedicht verwebt geschickt die persönliche Verwandlung Kolumbus' mit der Vorahnung seiner historischen Mission. Die mystische Vision auf der Klippe dient als Metapher für die Entdeckungsfreude und den Drang, das Unbekannte zu erforschen. Schack nutzt die Gestalt des jungen Kolumbus, um Themen wie Schicksal, Bestimmung und den Mut, über bekannte Grenzen hinauszugehen, zu verhandeln. Das Gedicht endet mit einem Hauch von Prophezeiung und lässt den Leser über die Rolle von Visionen und Träumen in der Gestaltung der Geschichte nachdenken.

Schlüsselwörter

sag freunde ganz verwandelt orkan sonst tollkühn meerflut

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Stilmittel

Bildsprache
»Im leichten Nachen, fern dem Strand, / Warf mich der Nordsturm jüngst umher«
Hyperbel
»Vom Morgen bis zum Abendlicht«
Metapher
»So ganz verwandelt du, der beim Orkan / Sonst tollkühn in die Meerflut stach«
Personifikation
»Der Nachtwind auf und nieder blies«
Rhetorische Frage
»Sag an, warum du einsam träumst und sinnst, / Dem Freunde sag's, Christoforo!«
Symbolik
»Und Monde schwinden«
Vergleich
»den wie ein Gewand«