Colibri
1806»Mein Nam’ ist Colibri, Mann von Hofe, An Liebreiz ein klein Ungeheuer, Der Königin Rose und ihrer Zofe, Dem schönen Haideröslein, gleich theuer.
Ich summe Sonette zu ihrem Preise, Umschwebe sie artig und dienstbeflissen; Wer sich bewegt in so feinem Kreise, Darf Anstand und fein Gewand nicht missen.
Ich trag’ ein Barett demantenflimmernd Staatsweste, Höslein goldbrokaten, Den Frack von grüner Seide schimmernd Und ausgenäht mit bunten Nahten.
Mein Schnäblein ist mein Galadegen, Mein Zünglein beweglich ist die Klinge; Was ich mit jenem nicht darf erlegen, Mit dieser ich’s sicherlich bezwinge.
Man sagt, ich sei treulos und flüchtig Und meine Huldigung wetterwendig; Untreu der einzlen Blume, die nichtig, Bin treu ich der Lenzmacht, die beständig!
Ob sich die Meuter auch all’ verschworen, Den milden Zepter der Rose werden, Ich weiß es, nimmer zerbrechen die Thoren, Das Reich des Lenzes nimmer gefährden.
Da schießt der Hagel mit silbernen Pfeilen, Da stürmt mit kristall’nen Lanzen der Regen, Da seht ihr den grimmen Winter eilen, Des Reiches Farben hinwegzufegen.
Da reißt der Sturm, ein gemeiner Scherge, Der Rose den Purpurmantel vom Leibe; Sie weiß, daß, ob sie im Tod sich berge, Ihr Stamm doch frischere Sprossen treibe.
Besudelt mir nicht des Hofkleids Stoffe Im Trümmerfall, im Kampfgetose! Der Ausgang aber wird gut, ich hoffe, Die Rose ist todt, es lebe die Rose!«
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Colibri" von Anastasius Grün ist eine allegorische Darstellung der Vergänglichkeit und der Wiederkehr der Natur. Der Kolibri wird als höfischer Liebhaber der Blumen, insbesondere der Rose, dargestellt. Er ist ein kleines, aber anmutiges Wesen, das mit seiner Zunge die Blumen "erobert" und ihnen seine Huldigung erweist. Der Kolibri ist jedoch auch ein Symbol für die Vergänglichkeit. Er ist "treulos und flüchtig", weil er nicht bei einer einzigen Blume bleibt, sondern von Blume zu Blume fliegt. Dies wird als Untreue interpretiert, aber der Kolibri selbst rechtfertigt sein Verhalten damit, dass er der "Lenzmacht" treu sei, die beständig ist. Im letzten Teil des Gedichts wird die Vergänglichkeit der Natur thematisiert. Hagel, Regen und Winter zerstören die Blumen, aber der Kolibri bleibt optimistisch. Er hofft auf eine Wiederkehr der Blumen im nächsten Frühling. Das Gedicht endet mit dem Ausruf "Die Rose ist todt, es lebe die Rose!", was die ewige Wiederkehr der Natur symbolisiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- feinem Kreise
- Hyperbel
- Wer sich bewegt in so feinem Kreise
- Metapher
- Der Sturm, ein gemeiner Scherge
- Personifikation
- Des Reiches Farben
- Symbolik
- Die Rose ist todt, es lebe die Rose