Clemence Isaure

Kathinka Zitz-Halein

1801

Clemencen galten Lautrec’s Triebe, Ihr Bild erfüllte sein Gemüth! Sie lohnt’ ihm bald mit Gegenliebe, War ihm in gleicher Gluth erglüht. Oft träumte sie in trauter Stille Vom nahen seligen Verein; Doch ach! des Vaters harter Wille Stimmt nicht mit ihren Wünschen ein.

Schon hat er den Gemahl erkoren Und führet zu Isauren ihn; Doch treu dem Bund, den sie beschworen, Sinkt sie zu seinen Füßen hin. »Du, der das Dasein mir gegeben, Bereitest kalt mir diesen Schmerz? Dir, Vater, dir gehört mein Leben, Doch Lautrec hat mein ganzes Herz.«

“Ha! - rief der Greis - du willst es wagen, Dich widersetzen meiner Macht? Wohl, Täubchen! du sollst Fesseln tragen, Und büßen tief in Kerkers Nacht. Dort magst du um den Buhlen trauern, Wo kaum das Licht der Sonne tagt.” Der Jüngling hört’s, umkreist die Mauern, Wo einsam die Geliebte klagt.

Um Mitternacht klang eine Zither, Sanft störend ihre kurze Ruh’! Sie klomm zum kleinen Fenstergitter, Rief weinend dem Geliebten zu: »Mein süßer Freund, hemm’ deine Klage, Dir wahr’ das Herz ich ewiglich! Leicht sind die Ketten, die ich trage, Denn gerne trag’ ich sie für dich.

»Doch vor des Vaters Zorn entfliehe, Biet’ länger seiner Macht nicht Trutz. Zum Hofe König Philipps ziehe, Fleh’ ihn für uns’re Lieb’ um Schutz! Nicht länger kann ich mit dir kosen; Als Pfand von meinem treuen Sinn Nimm hier den Kranz von wilden Rosen, Von Ringelblumen, Veilchen hin.

»Ich lieb’ des Veilchens sanfte Bläue, Die Rose kündet dir mein Herz - Sie ist ein Bild der Lieb’ und Treue; Die Ringelblume deutet Schmerz. Die Blumen, feucht von meinen Thränen, Nimm hin mit meinem Scheideblick! Sie rufen dir mit leisem Sehnen Stets unser Lieb’ und Leid zurück.«

“Leb’ wohl, - rief er - du mein Entzücken!” Und scheidend winket seine Hand. Sie sah ihm nach mit nassen Blicken, Bis er im nahen Wald verschwand. Gedenkend stets an seine Dame, Träumt er vom Wiedersehungstag. Laut tönt Clemencens süßer Name, Und jedes Echo tönt ihn nach.

In Frankreich hört er Kriegestöne, Laut schallet der Trompete Ton, Denn Englands tapfre Heldensöhne Belagerten die Wälle schon. Die Schlacht begann, und tapfer kriegte Der Franken Schaar Mann gegen Mann; Doch weh’! die Macht des Feindes siegte, Es flüchtet, wer dem Tod entrann.

Nur Einer kämpft noch im Gedränge Fort gegen Englands Übermacht; Der Jüngling sieht’s, er theilt die Menge, Sonst sänk’ der Greis in Todesnacht. Von seinem Schwerte Funken sprühen, Und blutend sinket er im Streit, Doch Edwards muth’ge Streiter fliehen, Isaurens Vater ist befreit.

Sein Blut entströmt aus fünfzehn Wunden; Er suchte Ruhm und Ehre sich Und hatte nur den Tod gefunden. Schon fühlend, wie das Leben wich, Sprach er zum Greis: »Ich hab’ vergeben; Verworfen hast du mich als Sohn, Ich opf’re dir dafür mein Leben; Dies meine Rache - und mein Lohn.

»Mein Scheiden trübe keine Klage, Erfülle nur die letzte Bitt’: Beglücke du Clemencens Tage, Und bring’ mein Lebewohl ihr mit. Gieb du ihr diese Blumen wieder, Sie sind gefärbt mit meinem Blut; Leg’ sie in ihre Hände nieder, Sie waren stets mein höchstes Gut.«

Er starb. Der Ritter stieg zu Rosse Und eilt auf wohlbekannter Bahn Zum stark bewehrten Ritterschlosse, Und kündet Lautrec’s Tod dort an. Isaure welkt in stummem Harme, Sie schreibt den letzten Willen auf; Und schmerzlich weinend schloß die Arme Dann ihren trüben Lebenslauf.

Auf daß ihr Ruhm der Nachwelt bliebe, Alljährlich auf Toulousens Flur, Zum Angedenken ihrer Liebe, Erhält der beste Troubadour, Begierig nach dem schönen Loose, Zu seiner Lieder Ehrensold Die Ringelblume, Veilchen, Rose, So wollte sie’s, von ed’lem Gold.

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Illustration zu Clemence Isaure

Interpretation

Das Gedicht "Clemence Isaure" von Kathinka Zitz-Halen erzählt die tragische Liebesgeschichte zwischen Clemence und Lautrec, die durch den Willen von Clemences Vater getrennt werden. Trotz der Gefängnisstrafe für Clemence und der Trennung von Lautrec bleiben die beiden Liebenden einander treu. Clemence schenkt Lautrec einen Kranz aus wilden Rosen, Ringelblumen und Veilchen als Symbol ihrer Liebe und Treue, bevor er in den Krieg zieht. Im Krieg kämpft Lautrec tapfer und rettet dabei Isaurens Vater, der schwer verwundet wird. Bevor Lautrec stirbt, bittet er den Ritter, Clemence zu beglücken und ihr die Blumen zu überreichen, die er als sein höchstes Gut betrachtet. Clemence, tief betrübt über den Tod ihres Geliebten, schreibt ihren letzten Willen und beendet ihr Leben. Um das Andenken an ihre Liebe zu bewahren, wird alljährlich auf Toulousens Flur der beste Troubadour mit einem Kranz aus Ringelblumen, Veilchen und Rosen geehrt, gefertigt aus edlem Gold, wie es Clemence in ihrem letzten Willen verfügt hat. Das Gedicht endet mit einer Hommage an die ewige Liebe und Treue zwischen Clemence und Lautrec, die durch die jährliche Ehrung weiterleben wird.

Schlüsselwörter

lieb lautrec hin leben herz rief greis macht

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Stilmittel

Metapher
So wollte sie's, von ed'lem Gold
Personifikation
Clemencen galten Lautrec's Triebe