Christel
1749Hab′ oft einen dampfen, düstern Sinn, Ein gar so schweres Blut! Wenn ich bei meiner Christel bin, Ist alles wieder gut. Ich seh sie dort, ich seh′ sie hier Und weiß nicht auf der Welt, Und wie und wo und wann sie mir, Warum sie mir gefällt.
Das schwarze Schelmenaug′ dadrein, Die schwarze Braue drauf, Seh ich ein einzig Mal hinein, Die Seele geht mir auf. Ist eine, die so lieben Mund, Liebrunde Wänglein hat? Ach, und es ist noch etwas rund, Da sieht kein Aug′ sich satt!
Und wenn ich sie denn fassen darf Im luft′gen deutschen Tanz, Das geht herum, das geht so scharf, Da fühl ich mich so ganz! Und wenn′s ihr taumlig wird und warm, Da wieg ich sie sogleich An meiner Brust, in meinem Arm; ′s ist mir ein Königreich!
Und wenn sie liebend nach mir blickt Und alles rund vergißt, Und dann an meine Brust gedrückt Und weidlich eins geküßt, Das läuft mir durch das Rückenmark Bis in die große Zeh′! Ich bin so schwach, ich bin so stark, Mir ist so wohl, so weh!
Da möcht′ ich mehr und immer mehr, Der Tag wird mir nicht lang; Wenn ich die Nacht auch bei ihr wär′, Davor wär′ mir nicht bang. Ich denk′, ich halte sie einmal Und büße meine Lust; Und endigt sich nicht meine Qual, Sterb ich an ihrer Brust!
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Interpretation
Das Gedicht "Christel" von Johann Wolfgang von Goethe handelt von der tiefen Liebe und Leidenschaft des lyrischen Ichs zu seiner Angebeteten Christel. Das Gedicht beginnt mit einem düsteren Gemütszustand des Sprechers, der sich jedoch bei Christels Anblick sofort bessert. Die Anziehungskraft Christels wird detailliert beschrieben, insbesondere ihre Augen und ihr Mund, die den Sprecher faszinieren und ihm ein Gefühl der Erfüllung geben. In den folgenden Strophen wird die körperliche Nähe und die tänzerische Vereinigung zwischen dem Sprecher und Christel dargestellt. Die Berührung und der Tanz mit ihr lassen den Sprecher ein Gefühl der Vollständigkeit und des Glücks empfinden. Die Intimität zwischen den beiden wird weiter vertieft, als der Sprecher Christel in seinen Armen wiegt und sie küsst. Diese körperliche Nähe löst eine starke emotionale und körperliche Reaktion aus, die den Sprecher zugleich schwach und stark fühlen lässt. Das Gedicht endet mit dem Wunsch des Sprechers, mehr Zeit mit Christel zu verbringen und die Nacht bei ihr zu verbringen. Der Sprecher drückt den Wunsch aus, seine Lust an Christel zu stillen und, falls dies nicht möglich ist, lieber an ihrer Brust zu sterben. Dies unterstreicht die Intensität und Tiefe der Gefühle des Sprechers für Christel und die Bedeutung, die sie in seinem Leben einnimmt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Dampfen, düstern Sinn
- Anapher
- Ich seh sie dort, ich seh' sie hier
- Bildsprache
- Das schwarze Schelmenaug' dadrein, Die schwarze Braue drauf
- Enjambement
- Ich seh sie dort, ich seh' sie hier / Und weiß nicht auf der Welt, / Und wie und wo und wann sie mir, / Warum sie mir gefällt.
- Hyperbel
- Ich bin so schwach, ich bin so stark
- Kontrast
- Mir ist so wohl, so weh
- Metapher
- Ein gar so schweres Blut
- Personifikation
- Die Seele geht mir auf
- Vergleich
- Im luft'gen deutschen Tanz