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Choral

Von

Mit dem Dampf des Bruderblutes, mit der Brände lohem Wallen
Schwinge dich, du Schrei des Jammers! aufwärts zu den Himmelhallen!
Steig empor, du bange Klage eines Schmerzes sonder Gleichen.
Du Gebet, bei dem des Beters Haare rasch zu Schnee verbleichen!
Todesmüd ist unser Nacken von jahrhundertlanger Frohne,
Tiefer stets in uns′re Schläfe bohret sich die Dornenkrone.
Dennoch, Herr! wie streng und zürnend sich dein Antlitz von uns wende,
Dir vertrauend immer wieder heben wir empor die Hände.

Oftmals hat mit schweren Schlägen deine Geißel uns getroffen,
Aber fest und unerschüttert blieb der Herzen muthig Hoffen!
Blutend, ach! und unterliegend riefen glaubenskühn wir Armen,
Gott ist unser Vater, – seiner Kinder wird er sich erbarmen!
Eh′ geheilt noch uns′re Wunden griffen nach dem Schwert wir wieder,
Und aufs neu trat des Tyrannen Übermacht zum Staub uns nieder!
Einen Grabstein wälzend über unser Hoffen, unser Lieben,
Höhnt′ er: »wo ist euer Vater, wo ist euer Gott geblieben?«

Aufwärts blickend nach den Sternen, flehten wir in Rachepsalmen:
Stürzt aus euern Höhen nieder, um den Frevler zu zermalmen!
Aber unbekümmert schwebten fort sie in dem gold′nen Reigen;
Stille rings! nur sanft Gezwitscher in den blüthenschweren Zweigen!
Da umkrallten uns′re Seele der Verzweiflung Tigerpranken,
Unser Muth begann zu schwinden, uns′re Zuversicht zu wanken,
Und es lästerten die Lippen dich im Übermaß der Schmerzen, –
Aber nicht nach unsern Worten, richte uns nach unserm Herzen!

Eine Sündenernte mußte solcher gift′gen Saat entspringen.
Gräuelthaten ohne Namen sahen schaudernd wir vollbringen!
Mütter fielen von der Söhne, Brüder von des Bruders Streichen, –
O wie viele Stirnen tragen Kains dunkles Mörderzeichen!
Doch wie schwer sie sich vergangen, wie Entsetzliches verbrochen,
Seien sie von dir, du milder Richter! dennoch losgesprochen!
Finst′re Höllenmächte haben sie zum Schreckenswerk gezwungen.
Nicht das Schwert wirst du bestrafen, nein! den Arm, der es geschwungen! –

Von der ganzen Welt verlassen, unterdrückt, halb aufgerieben,
Sind wir dir und unserm Glauben unverbrüchlich treu geblieben!
Wie zum Nest der müde Vogel, flieh′n mit uns′rer Grambeschwerde
Wir zu dir, auf daß in deinem Schooß uns süße Ruhe werde.
D′rum, o Herr! laß Milde walten! ebne uns′re Dornenpfade!
Kräft′ge die erschöpften Herzen mit dem Zeugniß deiner Gnade!
Laß den Kranz des Märtyrthumes uns mit frischem Muth umhauchen!
Laß aus seinem heil′gen Lichte neu verjüngt die Seele tauchen!

Deine Engel an der Spitze, wir ihr kämpfendes Geleite,
Du der Deinen Schild und Wehre, ziehen wir hinaus zum Streite,
Und von des besiegten Satan in den Staub gestürzten Hallen
Soll dein lichtgewobnes Banner in dem Hauch der Lüfte wallen!
Den verirrten Brüdern wollen wir die Hand entgegen strecken,
Denn der Freiheit Feuertaufe nimmt hinweg der Sünde Flecken!
Lästerer und Zweifler werden dann von ihrem Wahn genesen,
Fühlend, daß zu allen Zeiten Gott mit seinem Volk gewesen!

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Gedicht: Choral von Betty Paoli

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Choral“ von Betty Paoli ist ein ergreifendes Gebet, das von tiefer Verzweiflung, aber auch unerschütterlichem Glauben an Gott zeugt. Es schildert die Leiden eines unterdrückten Volkes, das über Jahrhunderte hinweg Misshandlung, Gewalt und Verzweiflung erlebt hat. Die Metaphern und Bilder sind kraftvoll und drastisch, um die Intensität der erlebten Qualen und die gleichzeitige Beharrlichkeit im Glauben zu verdeutlichen.

Das Gedicht lässt sich in mehrere Abschnitte gliedern, die die verschiedenen Stadien des Glaubens und der Hoffnung darstellen. Zunächst wird die Verzweiflung über die erlittenen Leiden ausgedrückt, die bis in die Himmel schreiende Klage. Trotz dieser Verzweiflung wird die Bereitschaft zum Gebet und die Hoffnung auf Gottes Hilfe nicht aufgegeben. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt die anhaltende Hoffnung trotz immer wiederkehrender Misserfolge und Unterdrückung. Selbst nach schweren Schlägen und Niederlagen hält das Volk am Glauben fest, wobei die Frage nach Gottes Abwesenheit dennoch nicht ausbleibt.

Der dritte Abschnitt thematisiert die Verzweiflung und den drohenden Verlust des Glaubens. Die Reaktion auf die anhaltende Unterdrückung ist eine Welle von Gräueltaten und das Abfallen von christlichen Werten. Doch selbst in dieser tiefen Verzweiflung wird um Vergebung und Barmherzigkeit gebeten. Im vierten Teil wird die Hoffnung auf Erlösung und Ruhe im Schoß Gottes ausgedrückt, zusammen mit der Bitte um Milde und die Stärkung des Glaubens.

Das Gedicht endet mit einem Ausblick auf die Zukunft, in der das unterdrückte Volk, gestärkt durch den Glauben, in den Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit zieht, geführt von Gottes Engeln. Es wird die Hand den verirrten Brüdern gereicht, und die Überzeugung, dass Gott immer bei seinem Volk war, manifestiert sich. Der „Choral“ ist somit ein Zeugnis von Leidensbereitschaft, aber auch von der unerschütterlichen Hoffnung und dem Glauben an Gottes Beistand, der durch alle Widrigkeiten hindurch trägt.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.