Choral

Betty Paoli

1863

Mit dem Dampf des Bruderblutes, mit der Brände lohem Wallen Schwinge dich, du Schrei des Jammers! aufwärts zu den Himmelhallen! Steig empor, du bange Klage eines Schmerzes sonder Gleichen. Du Gebet, bei dem des Beters Haare rasch zu Schnee verbleichen! Todesmüd ist unser Nacken von jahrhundertlanger Frohne, Tiefer stets in uns′re Schläfe bohret sich die Dornenkrone. Dennoch, Herr! wie streng und zürnend sich dein Antlitz von uns wende, Dir vertrauend immer wieder heben wir empor die Hände.

Oftmals hat mit schweren Schlägen deine Geißel uns getroffen, Aber fest und unerschüttert blieb der Herzen muthig Hoffen! Blutend, ach! und unterliegend riefen glaubenskühn wir Armen, Gott ist unser Vater, – seiner Kinder wird er sich erbarmen! Eh′ geheilt noch uns′re Wunden griffen nach dem Schwert wir wieder, Und aufs neu trat des Tyrannen Übermacht zum Staub uns nieder! Einen Grabstein wälzend über unser Hoffen, unser Lieben, Höhnt′ er: »wo ist euer Vater, wo ist euer Gott geblieben?«

Aufwärts blickend nach den Sternen, flehten wir in Rachepsalmen: Stürzt aus euern Höhen nieder, um den Frevler zu zermalmen! Aber unbekümmert schwebten fort sie in dem gold′nen Reigen; Stille rings! nur sanft Gezwitscher in den blüthenschweren Zweigen! Da umkrallten uns′re Seele der Verzweiflung Tigerpranken, Unser Muth begann zu schwinden, uns′re Zuversicht zu wanken, Und es lästerten die Lippen dich im Übermaß der Schmerzen, – Aber nicht nach unsern Worten, richte uns nach unserm Herzen!

Eine Sündenernte mußte solcher gift′gen Saat entspringen. Gräuelthaten ohne Namen sahen schaudernd wir vollbringen! Mütter fielen von der Söhne, Brüder von des Bruders Streichen, – O wie viele Stirnen tragen Kains dunkles Mörderzeichen! Doch wie schwer sie sich vergangen, wie Entsetzliches verbrochen, Seien sie von dir, du milder Richter! dennoch losgesprochen! Finst′re Höllenmächte haben sie zum Schreckenswerk gezwungen. Nicht das Schwert wirst du bestrafen, nein! den Arm, der es geschwungen! –

Von der ganzen Welt verlassen, unterdrückt, halb aufgerieben, Sind wir dir und unserm Glauben unverbrüchlich treu geblieben! Wie zum Nest der müde Vogel, flieh′n mit uns′rer Grambeschwerde Wir zu dir, auf daß in deinem Schooß uns süße Ruhe werde. D′rum, o Herr! laß Milde walten! ebne uns′re Dornenpfade! Kräft′ge die erschöpften Herzen mit dem Zeugniß deiner Gnade! Laß den Kranz des Märtyrthumes uns mit frischem Muth umhauchen! Laß aus seinem heil′gen Lichte neu verjüngt die Seele tauchen!

Deine Engel an der Spitze, wir ihr kämpfendes Geleite, Du der Deinen Schild und Wehre, ziehen wir hinaus zum Streite, Und von des besiegten Satan in den Staub gestürzten Hallen Soll dein lichtgewobnes Banner in dem Hauch der Lüfte wallen! Den verirrten Brüdern wollen wir die Hand entgegen strecken, Denn der Freiheit Feuertaufe nimmt hinweg der Sünde Flecken! Lästerer und Zweifler werden dann von ihrem Wahn genesen, Fühlend, daß zu allen Zeiten Gott mit seinem Volk gewesen!

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Choral

Interpretation

Das Gedicht "Choral" von Betty Paoli ist ein leidenschaftliches und emotionales Gebet an Gott, das die tiefe Not und das Leid der Menschheit zum Ausdruck bringt. Es beginnt mit einem Aufruf an den Schrei des Jammers, sich aufzuwärts zu den Himmelhallen zu schwingen, und beschreibt den Schmerz und die Qual, die die Menschen erdulden. Die Autorin betont die jahrhundertelange Unterdrückung und die ständige Bedrohung durch den Tyrannen, der die Gläubigen verspottet und ihre Hoffnung und Liebe zerstört. Das Gedicht geht dann auf die Rachepsalmen ein, in denen die Menschen um Vergeltung für ihre Leiden beten. Doch die Sterne bleiben unberührt und die Natur um sie herum ist friedlich, was zu Verzweiflung und Zweifeln führt. Die Autorin bittet Gott, nach den Herzen der Menschen zu richten und nicht nach ihren Worten, da die Schmerzen und Leiden zu groß sind, um sie in Worte zu fassen. Im letzten Teil des Gedichts spricht die Autorin von den Gräueltaten, die durch die dunklen Mächte der Hölle begangen wurden, und bittet um Vergebung für die Sündigen. Sie betont die Treue zum Glauben und Gott trotz aller Widrigkeiten und bittet um Milde und Gnade. Das Gedicht endet mit einem Aufruf zum Kampf für die Freiheit und die Wahrheit, wobei die Engel Gottes an der Spitze stehen und das Banner des Sieges über Satan weht.

Schlüsselwörter

herzen gott laß wallen aufwärts empor dennoch herr

Wortwolke

Wortwolke zu Choral

Stilmittel

Alliteration
Dennoch, Herr! wie streng und zürnend sich dein Antlitz von uns wende
Hyperbel
Todesmüd ist unser Nacken von jahrhundertlanger Frohne
Metapher
Denn der Freiheit Feuertaufe nimmt hinweg der Sünde Flecken
Personifikation
Aber unbekümmert schwebten fort sie in dem gold′nen Reigen